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Primkenauer Memoiren

Vor 100 Jahren

Der große Primkenauer Waldbrand (Ausschnitt)

Der Sommer 1904 war heiß und trocken. Wochenlang hatte es nicht geregnet. Auch der 15. August versprach ein strahlend schöner Tag zu werden. Von Südwesten her frischte am Morgen der Wind auf und entwickelte sich zu einem böigen Sturm, als der Güterzug Nr. 9303 in das Waldgebiet zwischen Oberleschen und Armadebrunn einfuhr. Um 8.50 Uhr zündete die Lokomotive auf km 219 6/7 im früheren Buchwalder Rittergutsforst und ein verhängnisvoller Funke fiel etwa 30 m östlich vom Gleis auf die ausgedörrte Böschung. Der orkanartige Wind fachte die Flamme an, jagte sie durch den schmalen, von der Sicherungsanlage der Bahn durchschnittenen Bestandesstreifen über eine weite Heidekrautfläche und trieb sie durch eine 15jährige Kiefernschonung schließlich in den Primkenauer Forst, der von der Bahnstrecke etwa 0,9 km entfernt liegt.

Der Herzog wurde schon um 9 Uhr telefonisch davon unterrichtet, daß es an der Bahnstrecke brenne, zehn Minuten später erhielt er die Nachricht vom Übergriff des Feuers auf den herzoglichen Wald. Um diese Zeit waren von Primkenau aus schon dicke Rauchwolken zu sehen. Aufgeregt liefen die Menschen zusammen, die Sturmglocken läuteten und die Löschmannschaften fuhren durch die Stadt zum Brandherd, der nur etwa 13 km entfernt lag. Gegen 10 Uhr rangen bereits  700 – 800 Menschen mit den Flammen.

Die westlichen Teile der Primkenauer Heide waren mit einer Anzahl 20 m breiten sogenannten Brandgestellen durchzogen, die ausbrechendes Heidefeuer aufhalten sollten. Doch bei dem herrschenden Sturm flog das Feuer über die Brandgestelle und über die Köpfe der Löschmannschaften hinweg; es flog schneller, als die Menschen laufen konnten. In Windeseile hatten sich gleichzeitig Flugfeuer, Wipfel- und Erdfeuer wie auch Lauffeuer entwickelt. So wurde bereits um 11 Uhr das kleine Walddorf Neuvorwerk, das aus neun Gehöften bestand, vom Feuer erfaßt. Die ungeheure Geschwindigkeit, mit der sich die vernichtenden Flammen ausbreiteten, ließen den Menschen keine Zeit, ihre Habe zu retten. So gerieten das erste und das letzte Haus des Dorfes, etwa 500 m voneinander entfernt, gleichzeitig in Brand. Jeder verzweifelte Versuch, gegen die rasende Feuersbrunst anzukämpfen, blieb vergeblich. Die Einwohner konnten sich retten, indem sie auf die Kartoffelfelder liefen. Eine alte Frau, die nicht mehr weglaufen konnte, flüchtete in den Keller ihres Hauses, das bald darauf über ihr zusammenbrach. Später konnte sie durch die Feuerwehr befreit werden. Kein Menschenleben war zu beklagen, jedoch verloren die Dorfbewohner innerhalb einer halben Stunde alles, was sie besessen hatten, einschließlich den größten Teil ihres Viehs. Von Neuvorwerk aus flogen die zündenden Funken 300 m weit in den östlich gelegenen Wald und bedrohten Wolfersdorf und Weißig.  Die Einwohner waren schon gewarnt worden und man befürchtete das Schlimmste, als wie durch ein Wunder der Wind im letzten Augenblick nach Norden drehte und die beiden Dörfer vor der Vernichtung bewahrt wurden. .

Auch in Primkenau fühlten sich die Menschen gefährdet. Große Rauchwolken zogen über die Stadt und infolge des starken Sturmes gelangte auch Funkenregen bis nach Primkenau. Die verängstigten Bewohner begannen schon auf der Westseite des Marktplatzes ihre Häuser zu räumen.  Die Erinnerung an den Stadtbrand 100 Jahre zuvor war noch immer präsent.

Zum Glück war der Wald am Morgen des 15. August 1904 fast menschenleer, denn wegen der Trockenheit gab es kaum Beeren, die zu dieser Jahreszeit gern von  den Sammlern gepflückt wurden. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß nicht ein noch größerer Schaden entstand.

Währenddessen war um 11 Uhr der Forstmeister Klopfer eingetroffen, der sich zum Zeitpunkt des Feuerausbruchs auf der Rückreise aus Dresden befunden hatte.  Er ließ zwei Gegenfeuer legen, die aber wirkungslos blieben, und er erkannte schnell, daß jeder Frontangriff vergeblich war und nur von den Seiten her gelöscht werden konnte, wie es gegen 11 Uhr an der Südflanke gelungen war.  Beamte einer der benachbarten Forstverwaltungen, die bei der Brandbekämpfung behilflich waren, beauftragten die dort tätigen Bahnarbeiter, auf der ca. 4 km langen Strecke Wache zu halten und  aufflackernde Flammen zu löschen. Doch die Arbeiter verließen zu früh ihren Posten, so daß ein Nachbrand entstand,  welcher noch viele tausend Morgen Wald zerstörte, das Dorf Armadebrunn in Gefahr brachte und erst gegen 23 Uhr wieder gelöscht werden konnte.

Mittags ab 12 Uhr erschienen die Truppen, nach denen der Herzog morgens telegrafiert hatte, aus den Garnisonen Sprottau, Sagan, Glogau, Liegnitz, Breslau und Neiße. Über 2000 Mann bekämpften nun zusammen mit der Bevölkerung aufopferungsvoll das Feuer. Drei Tage hindurch wurden 1800 Hilfskräfte aus der Primkenauer Schloßküche verpflegt.

Als nach mehreren Tagen und Nächten endlich der Brand gelöscht war, bot sich ein Bild des Grauens. Die Brandfläche war 14 km lang und 5 km breit. Das Dorf Neuvorwerk lag in Schutt und Asche. Ein Todesopfer war zu beklagen. Der 72jährige Waldarbeiter Heinrich Arlt aus Weißig wurde verkohlt aufgefunden. Er hatte am frühen Morgen des 15. August in der Nähe von Wolfersdorf Wege eingegleist und bemerkte alsbald die Rauchwolke. Mit seiner Hacke machte er sich auf in Richtung des Brandherdes. Unterwegs kam ihm eine Frau entgegen, die ihm dringend riet, sofort umzukehren. Doch er antwortete, er sei herzoglicher Arbeiter und müsse zum Feuer. So wurde er vom Feuer eingeholt und erstickte.

Etwa 100 Rehe und Hirsche waren verendet oder mußten wegen ihrer schrecklichen Verletzungen erschossen werden. Auch Füchse und Wildschweine und insbesondere viele Singvögel wurden später als Opfer der Feuersbrunst gefunden. In einer Waldschadens -  Bestandsaufnahme berichtete der Leiter des herzoglichen Forstwesens, Klopfer,  ein Jahr später dem Schlesischen Forstverein: „ 1 – 20jährige 950 ha, 21 - 40jährige 1604 ha, 41 – 60jährige 876 ha,  61 – 80jährige 415 ha, 81 – 100jährige 51 ha, über 100jährige145 ha. Bestandene Fläche 4041 ha, Blöße 87 ha,  Holzboden 4128 ha, Schleifen (Wiesen, Äcker, Wege) 82 ha,  Summe 4210 ha. Hierzu Rustikalen Weißig-Wolfersdorf 113 ha, Kotzenau 133 ha, Bunzlau 103 ha, Summe 4559 ha. [...] Die Löschkosten betrugen fast rund 25 000 Mark. Es ist unglaublich, was, abgesehen von den Hausbränden Neuvorwerks, alles verbrannt ist: Fahrräder und Schippen, Bierhähne und Fässer etc. Die Soldaten haben sich zum Löschen sehr gut, zu den Aufräumungsarbeiten der Brandrückstände weniger bewährt. Ihre Arbeit in letzterer Hinsicht war mangelhaft und teuer, Holzhauer müssen eben erzogen werden.

Wieder angebaut haben wir 1905 gegen 700 ha, durch Saat; mit welchem Erfolge, muß die Zukunft lehren.

Als nächste unangenehme Folgeerscheinung hat sich ein Massenflug von Hylobius abietis und Hylesinen gezeigt (Großer brauner Rüsselkäfer und Borkenkäfer, Anm. d. Verf.), [...] sie sollen ... an einigen Tagen geflogen sein, wolkenartig, den Bienen gleich.

An fremden Holzhauern haben sich am besten die Rutenen bewährt, sowohl hinsichtlich ihres Fleißes, ihrer Tüchtigkeit als ihrer Nüchternheit.

Es erübrigt sich, von der Verwertung der Brandrückstände zu reden. [....] Jedenfalls hat Primkenau nunmehr alle unter 60jährigen grün gebliebenen Bestände bei der Gladbacher Feuerversicherung zu annehmbaren Bedingungen versichert.“

Für die Obdachlosen des abgebrannten Dorfes Neuvorwerk wurden zunächst Baracken errichtet, die das Rote Kreuz aus Berlin auf Veranlassung der Kaiserin zur Verfügung stellte. Sach- und Geldspenden, auch von Seiten des Herzogs Ernst Günther, der zusammen mit seiner Gemahlin die Feuerbekämpfung beobachtet und zum Teil auch geleitet hatte, halfen den Menschen, die ihr Dorf wiederaufbauen wollten, über die schlimmsten Mängel hinweg.

Zu einem Wiederaufbau des Dorfes kam es jedoch in den nächsten Jahren nicht. Neuvorwerk erholte sich ebensowenig von der Katastrophe wie der Waldbestand, der auch nach einem Jahrzehnt noch einen traurigen Anblick bot. Der 1. Weltkrieg 1914 – 1918 schuf veränderte Verhältnisse, die auch in der Folgezeit von wirtschaftlichen Problemen geprägt waren. Im Jahre 1924, als die Spuren des großen Waldbrandes nicht mehr so offensichtlich waren, wurde der Primkenauer Forst von einem riesigen Raupenfraß der Kieferneule heimgesucht, der  wiederum viele Nadelbäume vernichtete. Herzog Albert schließlich sah sich aus finanziellen Gründen genötigt, das Gebiet nach Bunzlau zu verkaufen. Die Stadt wiederum veräußerte es bald darauf an den Zigarettenfabrikanten Reemtsma. Der Unternehmer investierte nun erstmalig nach 30 Jahren in eine umfassende Aufforstung und er ließ das Dorf Neuvorwerk wiederaufbauen – allerdings nach einem völlig anderen Konzept. Im Stile der Zeit entstand ein altgermanisches Runddorf, dessen Häuser bis in die Einrichtung nach alten Vorbildern gestaltet wurden. Neuvorwerk erhielt damit einen Modellcharakter nationalsozialistischer Prägung und wurde Ziel von Besichtigungsfahrten aus der näheren und weiteren Umgebung. Die Dorfbewohner fühlten sich zeitweise wie Zoo-Insassen, zumal sie an ihren Häusern und in ihren Wohnungen, die besichtigt werden konnten, nichts verändern durften.

Der 2. Weltkrieg setzte auch diesem Wiederaufbau ein Ende. Das Dorf wurde 1945 bei der Invasion der Roten Armee weitgehend zerstört und später völlig niedergewalzt. Seit Jahrzehnten sind nur noch einige Kellergewölbe an dieser Stelle zu finden.

Der Wald jedoch steht 100 Jahre nach der Brandkatastrophe in voller Pracht, als wäre ihm nie etwas geschehen. Forstmeister Klopfer hatte seinen Schadensbericht seinerzeit mit den Worten beendet:  „Ein halbes, ja ganzes Jahrhundert wird freilich vergehen, ehe die Spuren jenes grausamen Vernichtungszuges verwischt und wieder gut gemacht sein werden.“

 Quellen: Rede des Forstmeisters Klopfer vor dem Schlesischen Forstverein 1905, veröffentlicht im Jahrbuch des Schlesischen Forstvereins, Breslau 1906; Erinnerungen an Neuvorwerk von H. Stenzel aus Sprottau

Neu aufgebaute Waldarbeitersiedlung Neuvorwerk

(Weitere Bilder und der Faksimile - Druck mit "Spezialkarte" aus einer Schrift von Martin Gollmer aus demselben Jahre sind in der Druckversion enthalten. Sie kann beim Förderkreis Primkenau e.V. bestellt werden. Mitglieder erhalten sie wie immer mit dem Mitgliederbrief per Post zugeschickt.)