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Primkenauer Memoiren

Vor 130 Jahren

Der Turmbau der ev. Kirche zu Primkenau

Der Turm der evangelischen Kirche zu Primkenau hat eine ungewöhnliche Geschichte, die uns Herr Pastor Jentsch in seinen Aufzeichnungen von 1891 in manchen längst vergessenen Details überliefert.

Von alten Bildern kennen wir den ursprünglichen Bau des Bethauses von 1744, der eher einer Scheune glich, denn das typischste Attribut einer Kirche fehlte: ein Turm. Ein solcher durfte damals freilich auch nicht gebaut werden, denn Friedrich II hatte nach seiner Eroberung Schlesiens im Friedensschluß von 1742 die überlieferten Kirchenverhältnisse nicht angetastet. So durften die Evangelischen im Zuge der Toleranz zwar endlich eigene gottesdienstliche Häuser bauen, jedoch ohne Turm und Glocken. Ihre Geistlichen durften auch nicht Pfarrer genannt werden, sondern Pastoren, und sie blieben noch bis 1750 der kath. Kirche abgabepflichtig. 1770 erließ der preußische König den Befehl, alle öffentlichen Gebäude zu untermauern und mit Ziegeln zu decken. Dies geschah alsbald auch mit dem Pfarrhaus und dem Schulgebäude in Primkenau, doch das Bethaus mußte für diese Befestigung vollständig umgebaut werden. 1776 war die schwierige und teure Arbeit endlich vollendet und man hatte in weiser Voraussicht, aber auch als Auftrag für die Nachkommen, dabei das Fundament für einen Turm gleich mitgelegt. Wegen der hohen Kosten war damals an einen Turmbau nicht zu denken. 1804 vernichtete ein verheerender Brand den größten Teil der Stadt und noch während des Wiederaufbaus wurde sie in den Napoleonischen und den anschließenden Befreiungskriegen mehrmals ausgeplündert. Die Bevölkerung brauchte lange, um sich davon zu erholen. Die Pastoren Menzel und Engwitz widmeten sich dem Ausbau der Schule, was durch den Anstieg der Bevölkerung und neue Erfordernisse notwendig war. Doch der Traum von einem Turm blieb lebendig.

Pastor Meißner, der 1843 das Primkenauer Pfarramt antrat, machte es sich zur Lebensaufgabe, den Turm zu bauen. Er hatte die Stiftung der Brauermeisterwitwe Anna Rosina Scheibel vorgefunden, die der Kirche bei ihrem Tode am 30. Sept. 1842 (andere Quelle:1832) eine Spende von 1200 Mark als Fonds zu den Glocken des zu erbauenden Turmes vermacht hatte. Dieses Vermächtnis war ihm zur Verpflichtung geworden. 1857 kam noch eine Stiftung des Sattlermeisters Gottlob Göphardt hinzu, weitere Gaben folgten. Und Pastor Meißner rief immer wieder zu Spenden auf, kalkulierte immer wieder neu die Kosten. Auch der Bürgermeister Wackwitz unterstützte das Vorhaben, ein Turmbau-Comitée wurde gewählt, in dem sich der Stadtkämmerer Stein besonders engagierte. Ein Frl. Marie Vogel gab 150 Mark, Ziegeleibesitzer spendeten Zehntausende von Ziegelsteinen, ganze Ortschaften übernahmen Fuhrdienste, der kleine arme Ort Neuvorwerk brachte 180 Mark an Spenden zusammen. Als 1869 der Herzog Friedrich bei seiner Ankunft der Kirche 3000 Mark für den Turmbau schenkte, konnte Meißner, überwältigt vor Freude, am Weihnachtstag 1869 der Gemeinde von der Kanzel den geplanten Turmbau ankündigen. Am 15. Juli 1870 wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das ein Jahrhundert zuvor gelegte Fundament gesucht und freigelegt - der Bau konnte endlich beginnen, das Vermächtnis der Vorfahren erfüllt werden!

Doch da brach, wenige Stunden nach dem ersten Spatenstich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel die französische Kriegserklärung über die fröhliche Versammlung herein. Das Fundament wurde wieder zugeschüttet, der Baubeginn auf ungewisse Zukunft vertagt.

Als der Krieg nach wenigen Monaten beendet war, erfolgte die von Bismarck angestrebte Reichseinheit mit der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs. Der preußische König war nun Deutscher Kaiser, die neue nationale Identität manifestierte sich auch in neuer Bautätigkeit der "Gründerzeit". Und in Primkenau wünschte sich die evangelische Gemeinde, mit eigenen Glocken in das Friedensgeläut einstimmen zu können. Am 29. August 1871 wurde der Bauvertrag mit dem Baumeister Eckner in Glogau unterzeichnet und am 4.Oktober 1871 unter neuen Vorzeichen endlich der Grundstein zum Turm der ev. Kirche gelegt. Dies geschah "nach solennem Festzuge vom Markte aus mit Beteiligung der städtischen Körperschaften, Gilden und Vereine, der ländlichen Vertretungen und zahlreichen Gemeindeglieder". Natürlich war auch die herzogliche Familie zugegen. In den Grundstein wurden verschiedene Dokumente gelegt, u.a. das Primkenauer Wochenblatt, das Festprogramm und eine herzogliche Urkunde. Schon 1872 wurden auch die drei Glocken gegossen. Am 18. Oktober 1872 wurde der Turm feierlich durch den Königlichen Superintendenten Winter aus Sprottau eingeweiht, wiederum mit einem großen Fest in Anwesenheit der herzoglichen Familie. "Mit tiefster Bewegung predigte in der Weihefeier P. Meißner einer vor Freude weinenden Gemeinde." Jedes Jahr am 30. September, dem Todestag von Anna Rosina Scheibel, ließ der Pastor fortan eine Stunde lang die Glocken zu ihrem Gedächtnis läuten.