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Primkenauer Memoiren

Vor 200 Jahren

Der große Primkenauer Stadtbrand

In früheren Zeiten waren verheerende Stadtbrände keine Seltenheit. Die Wohnhäuser bestanden überwiegend aus Holz und waren mit Stroh oder Holzschindeln bedeckt. Das ständige Hantieren mit offenem Feuer, sei es im Herd oder als Lichtquelle, konnte schnell zu einem Unglück führen. Auch Blitzschlag war manchmal die Ursache von Bränden. Da auch in den Städten früher Landwirtschaft betrieben wurde, gab es überall Scheunen, in denen Heu und Stroh gelagert wurde, was die Gefahr zusätzlich erhöhte.

Auch in Primkenaus Chronik sind verschiedene große Stadtbrände verzeichnet, von denen aber nur der letzte von 1804 genauer dokumentiert ist. Dies mag auch daran liegen, daß bei einem solchen Brand häufig auch das Archiv nicht verschont blieb, in dem die wichtigen Stadtdokumente und Aufzeichnungen über vergangene Ereignisse gelagert waren. Eine Rekonstruktion der Ereignisse von 1804 erlaubt uns der ausführliche Bericht des damaligen Forst- und Hüttenverwalters Johann Ernst Hellcher. Dieser Bericht wird bis heute mit verschiedenen anderen Dokumenten im Turmknopf der katholischen Kirche verwahrt, wo man diese Quellen vor Feuer- und Kriegseinwirkungen zu schützen hoffte. Nach 1945 geriet dieser sichere Hort in Vergessenheit, bis er anläßlich einer Kirchenrenovierung in den 1980er Jahren wieder entdeckt wurde.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand das noch mittelalterlich wirkende Städtchen Primkenau nur aus den Häuserreihen, die sich um den Marktplatz und um die katholische Kirche gruppierten. Die Häuser um den Ring, wie der Marktplatz damals hieß, waren in etwa so angeordnet wie heute. Es handelte sich um Fachwerkhäuser aus Holz und Lehm ("gestückt und gekleibet"), die aus zwei Etagen bestanden und mit Stroh oder Schindeln gedeckt waren. Das Obergeschoß ragte über das Erdgeschoß hervor, so daß es mit Holzsäulen abgestützt wurde und sich auf diese Weise ein Laubengang ("Löben") um den Markt herum ergab. Die Bewohner waren kleine Ackerbürger, Handwerker und einige Handelsleute. Mitten auf dem oberen Teil des Marktplatzes stand das Spritzenhaus, daneben ein kleiner Schuppen zur Aufbewahrung der Wasserschläuche und Feuerleitern. In unmittelbarer Nähe befand sich ein Brunnen mit einem hohen Schwengel. Die Häuser "auf dem Thumb" in dem Viertel um die Kirche waren wesentlich kleiner und ärmlicher. Auch waren sie, wie im Mittelalter oft üblich, ungeregelt in die Gegend gesetzt worden, denn wo kein Durchgangsverkehr herrschte, war eine Straßenführung nicht nötig. Das evangelische Bethaus mit Pfarr- und Schulhaus, in den 1740er Jahren erbaut, stand am damaligen Stadtrand neben dem uralten Friedhof. Auf dem Mühlberg außerhalb der Stadt befanden sich seit alters her zwei Mühlen mit Wohnungen für die Müller und einem Brunnen.

Damals sah Primkenau bestimmt nicht wesentlich anders aus als im Jahrhundert zuvor. Zweimal war es im 17. Jahrhundert zerstört worden: 1642, während des Dreißigjährigen Krieges, hatten es die Schweden in Brand gesteckt. Und 1681 brannte Primkenau wiederum bis auf 4 übriggebliebene Hütten völlig ab. Die geringen Mittel, die den Abgebrannten aus den Hilfeleistungen des Grundherrn und vielleicht aus Sammlungen nächstliegender Gemeinden zur Verfügung standen, erlaubten nicht, den Wiederaufbau aufwendiger zu gestalten als vorher, so daß immer wieder die gleichen Lehmhäuser auf dieselben Grundstücke gebaut wurden. Auch wirtschaftlich hatte sich ja nichts verändert. Man lebte von seiner Hände Arbeit und die Familien konnten sich so ernähren, wie es die Qualität der jeweiligen Ernte, die häufigen Kriegseinwirkungen und die Höhe der Lebensmittelpreise erlaubten.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Heraufkunft des Industriezeitalters und der modernen Staatlichkeit veränderte sich allmählich das Leben der Menschen, auch in Primkenau.

1794 ließ der damalige Grundherr von Primkenau, David Heinrich Freiherr von Bibran, nördlich der Stadt an Stelle der alten Georgenmühle, die einen Eisenhammer betrieben hatte, ein Eisenhüttenwerk mit Hochofen errichten. Das nun entstehende Industriedorf in seiner Nähe hieß demzufolge "Hohenofen". Im Südosten wurde um die gleiche Zeit die "Schloßgemeinde" gegründet. Hier befand sich auf grundherrlichem Gelände der sogenannte "Weinberg", wo neben Wein auch Obst angebaut und eine bedeutende Bienenzucht betrieben wurde. Noch der Vorgänger des Freiherrn von Bibran, Carl Ferdinand Sigismund von Seherr-Thoß, hatte das Areal zur Bebauung freigegeben. In die nun entstehenden Häuser zogen Familien ein, die zuvor im "Lindewald" bei Heidau gelebt hatten, dort aber wegen Trinkwasserproblemen nicht mehr bleiben konnten. Da die Schloßgemeinde direkt an Primkenau angrenzte (aber erst 1904 eingemeindet wurde), bedeutete dies faktisch eine Erweiterung der Stadt, die sich gleichzeitig mit dem Entstehen der "Glogauer Vorstadt" vollzog. Die Glogauer Straße gab es zwar schon, jedoch lediglich als Landstraße, die vom Markt aus nach Glogau führte. Häuser standen damals dort noch nicht. Dies änderte sich 1798, als sich einige Mietbürger dort Grundstücke kauften und nach und nach 16 neue Häuser entlang der Straße errichteten. Auf Kosten der Stadt wurde jetzt auch eine Pumpe in der Glogauer Straße angelegt. Den Häusern gegenüber stand eine Reihe von 17 Scheunen, die den Ackerbürgern gehörten.

So präsentierte sich Primkenau um 1800 etwas größer, als es jahrhundertelang gewesen war, etwas schöner auch mit den neu gebauten Häusern, und eine besondere Zierde muß der damals gerade erneuerte Turm der katholischen Kirche gewesen sein mit seiner doppelten Durchsicht, einem grünen Dach aus "hölzernem Schiefer" und einer neuen "Stadtuhr". Das aus drei Glocken bestehende Geläute "wurde dem Städtchen von mehrern Fremden bloß aus Hinsicht seiner besondern Harmonie und Stannt beneidet". Die Stadt hatte damals ca. 900 Einwohner, die in ca. 120 Häusern wohnten (einige Dutzend weitere, z. B. öffentliche Gebäude, nicht gezählt). "Jetzt genossen die Primkenauer in Ruhe und Friede bis 1803 häusliches Glück. (...) Bisher war ...für den größten Teil der gewerbetreibenden Bürger so ziemliche Nahrung und sämtliche Einwohner bei so passablen bemittelten, wenn auch nicht gerade wohlhabenden Umständen, welche die Folgezeit durch so mancherlei unglückliche Verhältnisse störte, verheerte und für manche Familie auf ein ganzes Zeitalter vernichtete." (Schulz, S.27)

Am Abend des 15. April 1804 verschlossen die Leute, bevor sie zu Bett gingen, ihre Fensterläden besonders gut, denn ein Sturm war aufgekommen, der um die Häuser fegte. Ein auf der Wanderschaft durchziehender Handwerksbursche machte es sich in einer der 17 Scheunen in der Glogauer Vorstadt gemütlich, wo er übernachten wollte. Es war kalt an diesem Abend und er hatte sich noch an einem kleinen Lagerfeuer gewärmt, das er vor dem Schlafengehen austrat. Doch unbemerkt fachte der Sturm die Glut wieder an, trieb einige Funken an die Holzscheune und entzündete ein herumliegendes Büschel Stroh. Im Nu stand die Holzwand in Flammen. Der aufgeschreckte Handwerksbursche konnte sich retten, seine Rufe verhallten im Sturm, und schon sprang das Feuer auf die nächsten Scheunen über. Es war tiefe Nacht, zwischen 1 und 2 Uhr am 16. April. Der starke Südostwind blies das Feuer, das nun lichterloh brannte, in die Stadt, wo es die schlafenden Menschen überraschte. Als endlich die Feuerwehr ausrückte, war es schon viel zu spät. Die Häuser der Glogauer Straße und am Marktplatz brannten bereits, die Leute liefen schreiend durcheinander, die Kirche wurde vom Feuer ergriffen und der Turm verwandelte sich in eine brennende Fackel, die dahinter liegenden Gebäude des Pfarrhofs verbrannten und das Feuer sprang weiter auf das Vorwerk nördlich der Kirche über. Selbst das isoliert stehende Spritzenhaus wurde ein Raub der Flammen. Einzig das evangelische Bethaus, das Pfarrhaus und die Schule entgingen dem Inferno und viele der verstörten Menschen retteten sich in diese Gebäude, wo sich der junge Pastor Engwitz tröstend um sie bemühte und mit ihnen betete. Andere liefen in ihrer Angst hinaus auf die Felder, wo sie frierend und weinend die Nacht verbrachten. Doch nicht genug mit dem Feuersturm in der Stadt. Der Wind trieb herumfliegenden brennenden Speck bis nach Lauterbach, wo weitere 11 Gehöfte und die Wassermühle ("Obermühle") in Flammen aufgingen. Innerhalb von 21/2 Stunden hatte sich das Feuer überallhin verbreitet, erst morgens gegen 7 Uhr verlosch es, nachdem es 94 Wohnhäuser in der Stadt, die kath. Kirche mit den umliegenden Gebäuden, das städtische Malz- und Brauhaus, die Stadtwaage und das Spritzenhaus, 6 städtische Brunnen, viele Stallungen und Scheunen, die Fleischbänke und im herrschaftlichen Vorwerk (an der Stelle des späteren Verwaltungskomplexes) 5 Gehöftgebäude, Stallungen und die Wagenremisen vernichtet hatte sowie einen großen Teil des Dorfes Lauterbach.

Als sich am Morgen die unglücklichen Menschen aus dem Bethaus und den angrenzenden Häusern hervorwagten und die Geflohenen zurückkehrten, bot sich ihnen ein schreckliches Bild. Hilflos schluchzend und wehklagend, meist ohne vollständige Kleidung und barfuß, suchten sie in der qualmenden Wüstenei nach Überresten ihrer Habe und stellten fest, daß ihnen nichts geblieben war. Das Feuer hatte außer den ev. Gebäuden und dem Schloß lediglich 23 der kleinsten Bürgerhäuser, die vorstädtischen und oberen Dominialbesitzungen mit ihren Stallungen, die Bürgerscheunen auf dem Viehmarkt und an der Sprottauer Straße sowie die Stallungen an der Kirchseite herunter verschont. Doch bald konnte man erleichtert feststellen, daß der verheerende Brand wenigstens kein Menschenleben gekostet hatte; aber 3 Ziegen, 2 Böcke, 6 Kälber und 2 Schweine aus den herrschaftlichen Stallungen waren dem Brand zum Opfer gefallen.

Man kann sich die Verzweiflung der Menschen vorstellen, denn ein organisiertes, staatliches Krisenmanagement gab es nicht. Zwar hatte die Stadt Primkenau eine Feuerversicherung abgeschlossen, doch mit diesen 6840 Talern hätte gerade ein Achtel der Stadt wiederaufgebaut werden können. In der noch kalten Jahreszeit, in der die meisten Primkenauer nun ohne ein Dach über dem Kopf dastanden und sich in den wenigen verschonten Gebäuden zusammendrängten, brauchten sie als erste Hilfsmaßnahmen vor allem Kleidung und natürlich Nahrungsmittel. Eine erste Hilfe wurde ihnen schon am 16. April zuteil, denn die Bauern der umliegenden Dörfer, die den Stadtbrand beobachtet hatten, zogen am Morgen mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken nach Primkenau, um ihre wenigen Habseligkeiten mit den Unglücklichen zu teilen. Die Nachricht war bis nach Mallmitz gedrungen, von wo die Gräfin zu Dohna schon am nächsten Tag durch ihren Hüttenkontrolleur Lechner eine Gabe von 300 Talern überbringen ließ.

In der Folgezeit kamen Spenden von allen Seiten. Der Bürgermeister Lacowsky benachrichtigte seinen Schwager, den Professor Dittmar in Berlin, der selbst ein geborener Primkenauer war, und bat ihn, in der preußischen Hauptstadt Spenden zu sammeln. Dittmar verfaßte eine Broschüre, in der er über die Stadt und das geschehene Unglück berichtete, ließ sie drucken und verkaufte sie zu Gunsten der Primkenauer für 4 Groschen das Stück. Gleichzeitig sammelte er inn- und außerhalb Berlins Kleidungsstücke aller Art. Am 21. Juli brachte er selbst die Spenden, darunter fast 500 Taler, nach Primkenau. Auch der Primkenauer Justizverweser Kehrwihn hatte einen Schwager in Berlin, den Geheimen Sekretär Clemens, welcher ebenfalls 400 Taler an Spenden schicken konnte. In Haynau hörte der königliche Justizkommissar Wittiller, der früher einmal in Primkenau Justiziar gewesen war, von dem Unglück und brachte am 30. Oktober 900 Taler nach Primkenau. Auch der frühere Grundherr von Primkenau, der Freiherr von Seherr-Thoß, übersandte 100 Taler, die nach der Reparation des Kirchturms im folgenden Jahr für eine neue Stadtuhr verwendet wurden. Insgesamt kam eine Summe von rund 5000 Talern an Spendengeldern zusammen, die in der Abfolge ihres Eingangs an die Abgebrannten verteilt wurden. Diese Verteilung erfolgte, zumeist in Anwesenheit eines Glogauer Beamten der Königlichen Domänenkammer, des Primkenauer Magistrats oder eines Justiziars, gewöhnlich im Schloß. Diese Termine waren sicher erfreuliche Lichtblicke für die betroffenen Menschen, jedoch blieb die aufgebrachte Summe angesichts der Höhe des Schadens trotzdem ein Tropfen auf den heißen Stein, nurmehr geeignet, die schlimmsten Entbehrungen zu mildern.

In der damaligen Zeit gab es für die Bürger keinen Anspruch auf staatliche Hilfe. Man war auf Mildtätigkeit angewiesen, zu der sich allerdings jedermann in stärkerem Maße aufgerufen fühlte als heutzutage. Insbesondere gilt das für die Träger von Verantwortung wie Grundherr und Fürst bzw. König. Dennoch waren dies, auch im juristischen Sinne, Gnadenerweise, um die die Menschen bitten mußten. Per Gesetz war keine dieser Persönlichkeiten zu Hilfe verpflichtet, wohl aber moralisch. Die Primkenauer taten deshalb, was in ihrer Situation im Jahre 1804 angebracht war: Sie wählten aus ihren Reihen eine Brand-Deputation, die sich an den höheren Stellen um die entsprechenden Gnadenerweise kümmern sollte. Gleich nach dem Unglück hatte der Magistrat der Stadt die Meldung darüber an die Königliche Kriegs- und Domänenkammer in Glogau geschickt, verbunden mit der Bitte, dem König davon zu berichten, damit dieser sich den abgebrannten Untertanen gegenüber huldvoll zeige. Ebenso verwendete sich der freundliche Kreis-Steuereinnehmer in Sprottau, der Baron von der Goes, über seine Bekannten bei Hofe für die armen Leute. Zu einer Reaktion des Königs Friedrich Wilhelm III. kam es aber erst, als die Brand-Deputation aus den Reihen der Betroffenen tätig wurde. Sie hatten erfahren, daß der Königliche Staatsminister zu Breslau, Graf von Hoym, in Glogau weilte. Dort übergaben sie ihm ein Bittgesuch an den König, der es unverzüglich weiterleitete. Der König verfügte daraufhin ein Gnadengeschenk von 15 000 Talern, eine Summe, die den Wiederaufbau der Stadt Primkenau sehr beförderte. Hinzu kamen noch eine bedeutende Steuervergütung sowie ein sechsjähriger Grundsteuererlaß.

Schließlich ist das Engagement des Grundherrn David Heinrich von Bibran zu nennen, der von der Katastrophe gleichfalls betroffen war und sich nach Kräften um den Wiederaufbau Primkenaus bemühte. Mit ihm zusammen wurde beschlossen, die Stadt diesmal massiv aufzubauen. Es sollte eine moderne und gleichzeitig gegen Brände weniger anfällige Stadt entstehen. Umfangreiche Planungen wurden alsbald angestellt und Herr von Bibran kümmerte sich um alles, von den Kirchenglocken bis zur Einrichtung einer Speiseküche für die Bevölkerung. Die Unmengen an benötigtem Holz gab er zur halben Forsttaxe, die wiederum zur Hälfte in dreijährigen Raten bezahlt werden konnte. Die seit alters her bestehende herrschaftliche Ziegelei reichte nicht aus, um die für den Bau der massiven Häuser benötigten Ziegel zu beschaffen. So richteten einige Bürger ihre eigenen kleinen Ziegeleien ein bzw. fertigten ihre Ziegel einfach auf ihren Feldern. Auf Betreiben und Rechnung des Barons wurde auf dem Acker des Kürschners und Gastwirts Bürger hinter dem Schießberg eine große Plan-Ziegelei gebaut, in der unter der Anleitung der professionellen Ziegelstreicher Faller und Glogsdorff in großem Umfang Dach- und Mauerziegel hergestellt wurden. Auch das dafür erforderliche Brennholz gab der Grundherr gratis. Zwei weitere Plan- Ziegeleien entstanden auf Befehl des Grundherrn außerhalb der Stadt, wo für den Wiederaufbau des Vorwerks unter der Leitung des Forstverwalters Hellcher gearbeitet wurde. Die Oberaufsicht über die Planung und die Ausführung des Wiederaufbaus hatte der Königliche Bauleiter Benjamin Elsner, der von der Glogauer Kriegs- und Domänenkammer nach Primkenau gesandt worden war. Dieser stellte auch Maurer, Bauarbeiter und Zimmerleute aus anderen Orten ein.

Nun hätte alles gut voran gehen können, doch das Unglück war noch nicht beendet. Es folgte ein ungewöhnlich regenreicher Sommer. Sobald die Bauarbeiten begonnen hatten, regnete es fünf Wochen lang ununterbrochen, so daß die zum Trocknen ausgelegten Ziegel in großen Mengen aufweichten und neu gearbeitet werden mußten. Felder und Wiesen waren überschwemmt und eine Mißernte für dieses Jahr war bereits abzusehen. Überall in Schlesien traten die Flüsse über die Ufer und richteten Unheil an. Im Juni erfuhr man beispielsweise von einer fürchterlichen Überschwemmung in Sagan, die über 50 Todesopfer gefordert hatte. So verzögerten sich die Arbeiten. Ende 1804 standen erst 41 Häuser im Rohbau. Insgesamt dauerte es über zwei Jahre, bis alle Einwohner wieder ein eigenes Dach über dem Kopf hatten.

Im Frühjahr 1805 stiegen infolge der Mißernte die Brotpreise derartig, daß eine Hungersnot drohte. Der Primkenauer Magistrat erwirkte in Glogau einen Vorschuß von 100 Scheffeln Roggen aus dem königlichen Magazin, woraus Brote gebacken wurden, die die kinderreichsten Familien zu einem Drittel des üblichen Preises kaufen konnten. Eine öffentliche Suppenanstalt wurde eingerichtet, um die größte Not zu lindern. Und wieder wurde die Brand- Deputation aktiv und versuchte "durch Verwendungen und Vorstellungen verschiedener Art, (...) eine allgemeine Brot-Unterstützung für die Orts-Einwohner zu bewirken, doch lange vergeblich." (Schulz, S. 34) Schließlich gelang es den Deputierten erneut über Bittgesuche an den Grafen von Hoym, aus dem königlichen Magazin in Glogau 30 Tonnen Mehl zu einem geringen Preis zu erhalten und damit die Bevölkerung bis zur nächsten Ernte durchzubringen. Da im Vorjahr nicht genug Baumaterial in den Primkenauer Ziegeleien hatte hergestellt werden können, mußte man nun vor allem Dachziegel aus anderen Orten dazu kaufen. Eine solche Fuhre kostete soviel wie ein Scheffel Korn, der Tageslohn für einen Bauarbeiter entsprach ungefähr dem Preis eines Fünfpfundbrotes.

Trotz aller Hindernisse und Entbehrungen, die die Einwohner zu überwinden hatten, war im Jahr 1806 eine neue, schönere und zweckmäßig erbaute Stadt Primkenau entstanden, wie man sie im wesentlichen bis heute kennt. "Die Häuserfront an der Südseite des Marktes wurde mehrere Meter eingerückt und so der Marktplatz vergrößert. Noch heute erkennt man diese Veränderung der Fluchtlinie an den überdeckten Kellerräumen, die sich unter dem Bürgersteige bis an den Rinnstein hinziehen." (Ewald, S. 47) Drei Brandstellen, die den Töpferplatz einengten, wurden kassiert und an andere Stelle verlegt. Der Grundherr hatte sich ausbedungen, daß die verwinkelten Häuser hinter der Kirche in anderer Ordnung wiederhergestellt würden. Nun entstand hier eine neue gerade Straße, die zu Ehren des Grundherrn Heinrichstraße genannt wurde. Doch geriet dieser Name bald wieder in Vergessenheit und die neue Straße hieß dann auch offiziell Neue oder Neustraße. Die 17 Scheunen, von denen das ganze Desaster seinen Anfang genommen hatte, wurden auf Anweisung des Grundherrn "unter den Linden am Läng`schen Wege" wieder aufgebaut.

Die zweijährigen Arbeiten waren nicht ohne Unglücksfälle verlaufen, wovon nur die ersten beiden dokumentiert sind. Als beim Bäckermeister Riediger in der Neustraße der Backofen gebaut wurde, entfernte der Maurergeselle die Holzbögen darin zu zeitig, so daß das Gewölbe einstürzte und den Gesellen erschlug. Glimpflicher ging es bei dem Viktualienhändler Carl Berthold ab, wo zwei Maurergesellen und ein Handlanger vom einstürzenden Keller begraben und verletzt wurden, aber gerettet werden konnten und sich wieder völlig erholten.

Im Laufe der Bauarbeiten war sowohl in der Bevölkerung wie beim Magistrat als auch beim Grundherrn der Wunsch nach einem repräsentativen Rathaus mit einer städtischen Schänke entstanden, wozu der Bauleiter Elsner 1804 auch schon Zeichnungen angefertigt hatte. Die Umsetzung dieses Traums war eine Geldfrage, denn man empfand ihn als reinen Luxus. Der Baron von Bibran drängelte mit einer Spende von 500 Talern und der Bereitstellung des nötigen Bauholzes zum halben Preis. Also entschloß man sich, gewissermaßen zur Belohnung für die ausgestandenen Entbehrungen, den Plan ins Werk zu setzen, zumal auch das Glogauer Amt den Rathausbau befürwortete und dazu ermutigte.

"1806, am 7. Juli, wurde auch zum Wiederaufbau des Malz- und Brauhauses der Grundstein gelegt. (...) und da die Braupfanne durch eine zweckmäßige Reparatur wieder brauchbar gemacht werden konnte, beliefen sich die sämtlichen Baukosten auf ca. 3000 Tlr - Der Bau wurde von den 3 Mitgliedern der Kommune, dem Schneider Carl Kuntke, Tischler und Handelsmann Zopf und als Rechnungsführer vom Seiler Carl Schulz geleitet und besorgt, und zwar unentgeltlich. Es gelang ihnen durch ihre Betriebsamkeit, daß noch zum Ausgang desselben Jahres das erste Bier wieder darin gebraut und geschänkt wurde;" (Schulz, S. 37) Mit diesem Umtrunk wurde auch die vorläufige Vollendung des großen Wiederaufbauwerks gefeiert.

Doch kaum hatte man sich wieder etabliert und glaubte, das Schlimmste überstanden zu haben, drangen beängstigende Nachrichten nach Primkenau. Französische Truppen näherten sich den preußischen Grenzen. Es folgten die Schrecken eines 10 Jahre dauernden Krieges....

(Zitate, wenn nicht aus anderen Quellen bezeichnet, aus Hellchers Turmurkunde)

(Die Druckversion enthält 7 historische s/w-Bilder und den Nachdruck der damals in Berlin erschienenen Broschüre "Kurze Geschichte des abgebrannten niederschlesischen Städtchens Primkenau", dessen Verkauf den Primkenauer Abgebrannten zugute kam.