Übersicht | zurück | nächstes

Primkenauer Memoiren

Vor 300 Jahren

Die Gründung der Schützengilde

durch Georg Christoph Reichsgraf von Proskau

1702 war vom damaligen Grundherrn Primkenaus, dem Reichsgrafen Georg Christoph III. von Proskau (1679 - 1733), die Schützengilde gegründet worden "mit dem Zweck, treuen Bürgersinn und Vaterlandsliebe zu pflegen." (Ewald, S. 63) Die Schützengilde wurde zur angesehensten Bürgervereinigung und bildete einen gesellschaftlichen Mittelpunkt im städtischen Leben Primkenaus. Dennoch geriet ihr Begründer in Vergessenheit, obgleich die Herrschaft Primkenau 67 Jahre lang im Besitz der Familie Proskau gewesen war. Kaum jemand wußte noch im 19. Jahrhundert, daß das Primkenauer Stadtwappen, das bis heute in modernisierter Form Bestand hat, auf die Reichsgrafen v. Proskau zurückgeht.

Grund genug, sich einleitend zum 300. Jahrestag der Schützengilde mit ihrem Stifter und dessen historischem Hintergrund zu befassen.

Dieser Hintergrund erwächst aus den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, in dessen Wirren ein obskurer angeblicher Obrist namens Leon Cropello ( andere Quelle: Koprello, siehe Pruskowski, S.3) de Medici dem damaligen Besitzer Primkenaus, Hans Wolf von Rechenberg, bei einem gemeinsamen Trunk im Wirtshaus die Herrschaft Primkenau mehr oder weniger abgeschwatzt hat. Bargeld sah der Freiherr v. Rechenberg nie, auch nicht seine Nachkommen, und so wurde dieser Handel zur Ursache eines über Generationen geführten Rechtsstreits (siehe 1). Leon Cropello de Medici, angeblich ein Abkömmling der berühmten Florentiner Patrizierfamilie, stand in enger Verbindung mit den Jesuiten, die auch im nahen Glogau eine Niederlassung hatten und denen er testamentarisch Primkenau vererbt haben soll, sowie mit den berüchtigten "Lichtensteinern", die als gegenreformatorische Exekutoren des Kaisers besonders in Niederschlesien unterwegs waren.

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges 1648 begann dort nämlich eine rücksichtslose Gegenreformation (siehe Memoire zum Thema), unter der auch die Primkenauer sehr zu leiden hatten. 1654 nahm eine kaiserliche Kommission die seit Generationen evangelische Kirche am Markt wieder in katholischen Besitz, alle evangelischen Gottesdienste wurden bei Strafe verboten - und in dieser Situation hatte Primkenau nun katholische Grundherren, die dies alles befürworteten und obendrein persönliche Beziehungen zu den einschlägigen Kräften hatten!

Zu dieser Zeit war Leon Cropello schon gestorben. 1634 hatte er die Witwe des katholischen Freiherrn Georg Christoph I. von Proskau geheiratet, die einen damals 5jährigen Sohn mit in die Ehe brachte: Georg Christoph II. von Proskau (1629-1701). Die Witwe heiratete nach Cropellos Tod um 1642 nochmals. Dieser Ehemann, der Obrist Joachim von Mitzlaff, taucht dann vorübergehend als Grundherr von Primkenau auf, währenddessen die Jesuiten Anspruch auf ihr Erbe erheben, ohne jedoch ein entsprechendes Schriftstück vorweisen zu können. Dennoch gelangen sie 1653 an die Herrschaft. Mitzlaffs Stiefsohn, dem Freiherrn Georg Christoph II. von Proskau (ab 1678 Reichsgraf), "ein Organisationstalent"(Pruskowski S. 6), ebenfalls mit besten, aber wohl doppelbödigen Beziehungen zu den Jesuiten, gelang es, sie auszutricksen und ihnen ihre Rechte abzukaufen. Damit war er seit 1670 Herr auf Primkenau, das er jedoch nur gelegentlich besuchte. Seine riesigen Besitztümer, die sich über ganz Schlesien, Böhmen und Mähren erstreckten, teilte er testamentarisch unter seine drei Söhne auf. Der jüngste, Georg Christoph III., sollte die niederschlesischen Besitzungen erben.

1681 wurde Primkenau Opfer eines riesigen Brandes. Die Stadt wurde dabei bis auf 4 Hütten völlig zerstört. Der Grraf v. Proskau kümmerte sich um den raschen Wiederaufbau, was ihm sicher die Anerkennung der mißtrauischen Primkenauer Bevölkerung einbrachte. Dennoch trennte sie die konfessionelle Frage. In Zeiten der religiösen Unterdrückung, die freilich vom Kaiser in Wien ausging, konnte man schwerlich zu einem katholischen Grundherrn Vertrauen fassen, auch wenn dieser für die damalige Zeit als eher tolerant eingestuft werden darf und eine "positive soziale Grundeinstellung" (Pruskowski S. 10) seinen Untertanen gegenüber zeigte.

Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters auf einer Reise nach Galizien trat der knapp 23jährige Georg Christoph III. 1701 sein niederschlesisches Erbe an. Anders als sein Vorgänger ließ er sich dauerhaft in Primkenau nieder und wollte hier auch eine Familie gründen: Im Februar 1702 heiratete er die Gräfin Maria Victoria von Sprintzenstein, mit der er 10 Kinder haben sollte, von denen nur ein einziger Sohn überlebte.

Mit wenig Begeisterung werden die Primkenauer ihren neuen Herrn empfangen haben, während dieser sicherlich fest entschlossen war, den neuen Lebensabschnitt aktiv und positiv für sich zu gestalten. Dazu gehörte, sich bei der Bevölkerung ein möglichst gutes Ansehen zu verschaffen. Die Stiftung der Schützengilde, der er auf herrschaftlichem Gebiet ein Schützenhaus zu errichten gestattete, dessen Bau er finanziell unterstützte, ist also gewissermaßen sein Antrittsgeschenk, vielleicht auch eine "Wohltat" im Zusammenhang mit seiner Hochzeit. Der junge Herr, der sicherlich eine standesgemäße Erziehung erhalten hatte, war mit aufklärerischen Gedanken in Berührung gekommen und hing diesen vermutlich auch an: Schon ein Jahr später, 1703, konnte sich die Bürgerschaft von der Dienstbarkeit bei ihm freikaufen, auf die vollständige Ableistung der Hand- und Spanndienste der Bauern verzichtete er. Wie schon sein Vater bemühte er sich um die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität in Primkenaus Umgebung. Als im Jahre 1706 der schwedische König Karl XII. im Verlauf des Nordischen Krieges (1700-21) siegreich nach Schlesien eindrang und den Evangelischen 121 Kirchen zurückgab bzw. "Gnadenkirchen" bauen ließ, entstand in der Sprottauer Gegend die Bewegung der "betenden Kinder", welche die Feldgottesdienste der Schweden nachahmten und um Rettung aus der religiösen Bedrängnis baten. Der Graf v. Proskau ließ es zu, daß sich auch in Primkenau zweimal täglich Kinderscharen auf dem Gelände versammelten, wo später die ev. Kirche stehen sollte. Dort sangen sie Lutherlieder und "beteten knieend um Rettung aus der Not, um Kirchen, Prediger und Schulen." Erst als die Treffen allmählich zu "kindischer Spielerei" und Randale ausarteten, wurden sie "von der Behörde" verboten und die Kinder verjagt. (siehe Ewald S. 28)

Georg Christoph III. von Proskau war ein großzügiger Mensch, auch und vor allem in finanziellen Dingen, wodurch er sich jedoch bald verschuldete. 1730 wurde ein Konkursverfahren vor dem kaiserlichen Oberamt gegen ihn eröffnet. Der einzige Sohn, Anton Christoph (*1707), wurde, weil völlig mittellos, wahrscheinlich durch die Dynastie enterbt. Sein weiterer Lebenslauf verliert sich nach seinem Eintritt "in kaiserliche Dienste" im Dunkeln. Doch scheint gesichert, daß der junge Mann zum evangelischen Glauben konvertiert und nach Preußen ausgewandert ist (siehe Pruskowski, S. 16/17). Nach Georg Christophs III. Tod 1733 hatte seine hinterbliebene 2. Frau, eine Gräfin v. Berg, wieder geheiratet, war nach Wien gezogen und hatte 1736 die Konkursmasse an Heinrich Gottlob Graf von Reder verkauft.

Wenig später kam Schlesien durch den erfolgreichen Einmarsch Friedrichs des Großen an Preußen (siehe Memoire zum Thema), alle religiöse Bedrängnis fand ein Ende und die Primkenauer vergaßen - verdrängten - die schrecklichen Zeiten, die auch mit dem Namen Proskau verbunden waren, obwohl beide Herren, wie wir sahen, sich redlich bemüht hatten, das Vertrauen der Primkenauer zu gewinnen.

So umgibt die Primkenauer Proskaus ein Hauch von Tragik. Die Spuren des letzten von ihnen. Anton Christoph, verlieren sich irgendwo, die Grablege seiner Eltern und seiner neun Geschwister, die alle in Primkenau starben und dort beigesetzt wurden, ist unauffindbar, als hätte es sie nie gegeben... Sie verdienen es, daß wir ihrer im Zusammenhang mit einem so positiven Jubiläum, an das dieses Memoire erinnert, gedenken, daß wir ihre Verdienste und ihre tragischen Momente kennenlernen und in unser Gedächtnis zurück holen.

 

Die Geschichte der Schützengilde wurde in allen Details 1927 anläßlich des 225jährigen Bestehens von der Primkenauer Presse gewürdigt. Die entsprechenden Berichte sind auf uns überkommen und mögen daher heute eine Neuauflage erfahren. Wehmütig liest sich am Schluß der freudige Ausblick des Autors auf die 250 Jahr- Feier, die nicht mehr stattfinden konnte und an die 1952 wohl niemand mehr gedacht hat. Unter den gegebenen Umständen wäre der Autor aber bestimmt erfreut, daß wir des 300jährigen Jubiläums gedenken.

------------------------------------------------------------------------

genannte und verwendete Quellen:

  1. Historisch- und Actenmäßiger Bericht, was es mit der Freyherrl. Rechenberg= Reiboldischen nun Des Graf Friedrichs von Arco Schuldforderung wegen Primkenau an die Gräfl. Proßkauische Cridae massa vor eine Bewandniß habe. Breslau 1745
  2. Bearbeitung derselben von Rudolf Pruskowski, Köln 2001
  3. Rektor Ewald, Die Geschichte Primkenaus, Primkenau 1923

 

Die NEUAUFLAGE der JUBILÄUMS-BERICHTE

aus dem Jahre 1927

können Sie als Nachdruck mit 11 historischen Fotos bei uns

zum Preis von 2,50 Euro (zzgl. Porto) bestellen.