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Primkenauer Memoiren

Vor 480 Jahren:

Primkenau wird evangelisch

Schlesien gehört zu den Gegenden , in denen Luthers Lehren am frühesten aufgenommen wurden. Der damalige Bischof von Breslau, Johann V., wurde zum unfreiwilligen Wegbereiter der Reformation, denn als gebildeter Humanist kümmerte er sich wenig um die kirchlichen Angelegenheiten, sondern ließ den Dingen ihren Lauf. Als einer der frühesten Förderer der neuen Glaubensrichtung darf die Familie von Rechenberg gelten. Die Rechenbergischen Besitzungen waren die ersten, die sich in Schlesien der Reformation öffneten. Schon 1517, also unmittelbar nach dem legendären Thesenanschlag in Wittenberg, ist Luthers Lehre in Freystadt bekannt. 1522 holt Hans v. Rechenberg einen lutherischen Prediger in die dortige Schloßkapelle.

Alles deutet darauf hin, daß es eine persönliche Bekanntschaft von Mitgliedern der Familie Rechenberg mit Martin Luther gegeben hat; mindestens einer von ihnen hat auch in Wittenberg studiert. Ein Brief Martin Luthers an Hans von Rechenberg aus dem Jahre 1522 weist ebenfalls auf eine persönliche Beziehung hin.

So verwundert es nicht, daß Primkenau, ebenfalls Herrschaft eines Freiherrn von Rechenberg, sehr früh mit Luthers Lehren bekannt wurde und 1521 als reformiert gelten konnte. 1522 holte auch Friedrich II. von Liegnitz einen lutherischen Prediger in seine Residenz, während in Sagan erst ein Jahrzehnt später die katholische Mehrheit zu bröckeln begann.

Begünstigt wurde dieser Prozeß der raschen und völlig kampflosen Reformierung ganz Schlesiens durch den politischen Umbruch, den das Land zu dieser Zeit erfuhr. Nach dem frühen Tod des jungen Königs Ludwig war Ferdinand I. 1526 zum böhmischen König gewählt worden, wodurch Schlesien an Habsburg kam. Ferdinand, zwar erzkatholisch, jedoch ein relativ duldsamer Fürst, mußte nun auch die üblichen Rücksichten nehmen, da Schlesien ein unentbehrlicher Geldgeber für die stets leeren königlichen Kassen war. Erleichtert wurde ihm der Verzicht auf entschlossenes Vorgehen gegen die Protestanten "durch die fast ausnahmslos besonnene und behutsame Durchführung der Neuerungen, die Schlesien in der deutschen Reformationsgeschichte eine bezeichnende Sonderstellung zuweist." (Geschichte Schlesiens, Thorbecke 2000, Bd.2, S. 11)

Im 16. Jahrhundert begann auch der evangelische Kirchenbau, dessen Stifter und Förderer der zumeist protestantische Landadel war. Beispiele sind die in Schlawa (Schlesiersee) um 1604 unter Förderung der Familie Rechenberg erbaute Kirche sowie die Schloßkapelle in Carolath durch Georg v. Schönaich um 1618. In Primkenau, wie in den meisten anderen kleinen Orten, wurde die Kirche am Markt evangelisch. In diesen reformierten Kirchen wurden nun häufig Änderungen vorgenommen, insbesondere neue Kanzeln gestiftet. So geschah es wohl auch in Primkenau, doch läßt sich dies nicht mehr nachvollziehen, da die Kirche 1719, als sie längst wieder katholisch war, völlig niederbrannte und in den Jahren 1720-30 neu aufgebaut wurde. Nur der Turm stammt noch aus der früheren Zeit. Jedenfalls hat der damalige Grundherr von Primkenau, Kaspar v. Rechenberg (auf Klitschdorf, Primkenau, Schönfeld, Lippschau und Petersdorf), in der Klitschdorfer Pfarrkirche eine Kanzel gestiftet, und vielleicht tat er dies auch in Primkenau.

Für das ruhige und rasche Vordringen des Protestantismus in Schlesien ist Primkenau ein gutes Beispiel. Es gab keine besonderen Vorkommnisse. Die Familie von Rechenberg setzte sich damit im kollektiven Gedächtnis der Primkenauer Bevölkerung ein bleibendes Denkmal. Entsprechend vermerkt der Chronist Ewald zu dem ganzen Vorgang lediglich: "...nichts störte den religiösen Frieden bis 1637. Dies war besonders das Verdienst der Herren von Rechenberg...Mehrere Söhne unserer Gegend wurden zu Luther nach Wittenberg zum Studium der Theologie geschickt. Sie wurden später Geistliche in Weißig und Wolfersdorf."

(Außer den genannten Quellen wurde auch Material unseres Mitglieds Wolfrad v. Rechenberg hinzugezogen)

Die von Kaspar v. Rechenberg gestiftete Kanzel in der Klitschdorfer Pfarrkirche