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Primkenauer Memoiren

Vor 260 Jahren :

Primkenau wird preußisch:

Befreiung vom Glaubensdruck

Als die 23jährige Maria Theresia überraschend schon 1740 ihr habsburgisches Erbe antreten mußte, nutzte der junge Preußenkönig Friedrich II. ihre ungesicherte Position, um in einem "militärischen Spaziergang" die Provinz Schlesien zu erobern. Maria Theresia mußte am 28. 7. 1742 in den Friedensschluß von Berlin einwilligen und Schlesien an ihren Erzfeind abtreten. Zwar trat Friedrich 1744 nochmals in den bis 1763 fortdauernden Erbfolgekrieg ein (2. Schles. Krieg bis 1745), blieb aber auch im endgültigen Friedensschluß von Aachen 1748 in Besitz Schlesiens gemäß dem Berliner Vertrag. Somit muß dieser als amtliche Annexion Schlesiens an Preußen gelten, war doch die Rechtmäßigkeit von Friedrichs Vorgehen im damaligen Europa zunächst höchst umstritten.

Solcherlei Fragen waren für die Schlesier ganz uninteressant. Besonders die überwiegend evangelische Bevölkerung Niederschlesiens begrüßte den Preußenkönig als Befreier; Jentsch nennt die preußische Eroberung 1890 rückblickend "Die große Errettung".1742 waren die Schlesier mit vielen königlichen Edikten konfrontiert, die ihr Land den altpreußischen Gebieten angleichen sollten, wobei besonders einschneidend die Neuerungen im Militärwesen und in der Finanzverwaltung waren. Doch wesentlich war für die Schlesier, und ganz besonders auch für die Primkenauer, nur eins: die nun einsetzende religiöse Toleranz.

Sofort nach seinem Einmarsch hatte Friedrich II. zwölf ordinierte Theologen aus Berlin nach Rauschwitz geschickt, wo diese "12 schlesischen Apostel" durch Los auf die bedrängtesten evangelischen Gemeinden verteilt wurden. Primkenau gehörte dazu. Jetzt "schlug die Stunde der Erlösung": Bürgermeister Knappe und Meister Gottfried Dittmar holten den Magister Heinrich Otto Kegel am 23. Januar 1741 mit zwei Kutschen ab und brachten ihn im Triumphzug zwei Tage später nach Primkenau, wo nun auf dem Markt unter freiem Himmel vor dem Haus des Seifensieders Kuntke, Nr. 107, am 29. Januar wieder der erste freie evangelische Gottesdienst gehalten wurde. Für 3 ½ Jahre fanden die Gottesdienste hier statt. Im Taufregister steht unter dem Datum 1. August 1744: "Bis hieher sind vom 24. Januar 1741 bis und mit 1. August 1744 306 Kinder in Herrn Christian Kuntke`s Stube, als unserer Betstube, getauft." Denn eine Kirche hatten die Evangelischen nicht, noch war dies alles - modern gesagt - "Sympathiewerbung" des Preußenkönigs. Erst nach dem Friedensschluß 1742, in dem Friedrich II. den Status quo der Religion "unbeschadet der Gewissensfreiheit und der Rechte des Souveräns" zu erhalten zugestand, durften die Evangelischen eigene Bethäuser bauen. Dazu kaufte die Primkenauer Gemeinde den Weingarten neben dem damals schon 450 Jahre alten Friedhof. Der Garten hatte für sie Tradition: Hier war schon im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) in einer Scheune Gottesdienst gehalten worden, und die Bewegung der "betenden Kinder" hatte Anfang des 18. Jahrhunderts hier ihren Treffpunkt.

Auch der ev. Schulunterricht wurde nun offiziell eingeführt, der 1741 schon in geräumigen Bürgerhäusern am Markt stattgefunden hatte. Der damalige Besitzer Primkenaus, Graf v. Reder, leistete viel materielle Hilfe beim Bau von Bethaus, Pfarrhaus und Schule. Auf dem Gelände wurden nach königlicher Verordnung auch Maulbeerbäume gepflanzt (zur Förderung der Seidenzucht), von denen in den 1920er Jahren noch einer an der Friedhofsmauer bei der Töpferstraße stand.

Magister Kegel, der "sich...vielfach in Dinge mischte, die nicht seines Amtes waren", bekam alsbald Ärger mit der Herrschaft und wurde im Nov. 1742 "vor das Königl. Oberconsistorium nach Glogau citiert und dort wegen beharrlicher Renitenz zurückgehalten". Ein Jahr lang hielten sieben benachbarte Geistliche Zirkularpredigten in Primkenau, bis am 26. Januar 1744 Magister Gottlieb Surtorius ins Pfarramt berufen wurde.

(Quellen: die Chroniken von Schulz, Jentsch , Ewald sowie "Konferenzen und Verträge", Würzburg 1958)

 

Friedrich der Große in Liegnitz

(Zeichnung von Adolph Menzel)