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Primkenauer Memoiren

Vor 120 Jahren:

Pastor Wilhelm Eduard Meißner stirbt

Seine Amtszeit in Primkenau ist eng verbunden mit der Blütezeit der Stadt unter den Herzögen zu Schleswig-Holstein. Als ihr Seelsorger begleitete er insbesondere die Kindheit und Jugend der späteren Kaiserin Auguste Victoria; er taufte, traute und beerdigte mehrere Mitglieder des Herzogshauses.

Meißner wurde am 22. Januar 1810 in Terpt bei Lübben geboren, besuchte das Gymnasium in Luckau und absolvierte sein theologisches Studium in Berlin. Als junger Pfarrer war er einige Jahre als Erzieher in Gramschütz bei Glogau tätig und erhielt am 30. Dez.1843 den Ruf ins Pfarramt Primkenau, das nach dem Tode des beliebten Pastors Engwitz am 4. April 1843 seit fast 9 Monaten verwaist war. 1844 heiratete Meißner Klara Helene Mathilde Gerlach aus Fraustadt. Von den sieben gemeinsamen Kindern überlebten vier, eine Tochter und drei Söhne, deren ältester später ebenfalls Pastor wurde.

Der damalige Besitzer der Herrschaft Primkenau und Patron der Kirche, Hans Benedict Freiherr v. Block-Bibran, schätzte Meißner sehr und vermachte auf dessen Vermittlung hin der Kirche eine Schenkung von 7500 Mark für die Schul- und Armenpflege.1853 ging Primkenau in den Besitz des Herzogs Christian August v. Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg über, zu dessen feierlichem Empfang am 1. Okt. 1853 Pastor Meißner eine kirchliche Feier angesetzt hatte. Als fromme evangelische Christen wirkten der Herzog und seine Gemahlin Louise Sophie in enger Gemeinschaft mit dem Pfarrer in der Armen- und Krankenfürsorge. Am 3. Aug.1857 wurde im Schloß Primkenau das erste Kind des Erbprinzen Friedrich geboren. Für den 7. Okt. war die Taufe des Prinzen Friedrich Wilhelm angesetzt, dessen Taufpaten der preußische König Friedrich Wilhelm IV., die britische Königin Victoria und die Königinwitwe Caroline Amalie v. Dänemark waren. Der König von Preußen wurde sogar persönlich erwartet, doch eine schwere Erkrankung verhinderte die Reise, so daß in seiner Vertretung sein Sohn, der spätere Kaiser Friedrich III., in Primkenau erschien. Der Täufling starb jedoch schon 1858 und wurde in der Gruft der ev. Kirche beigesetzt. Im selben Jahr wurde Auguste Victoria in Dolzig geboren. Ein weiteres Brüderchen, Victor, starb ebenfalls im 1. Lebensjahr und fand in der Primkenauer Kirche seinen Ruheplatz.

Auch Pastor Meißner wurde von einem schweren Verlust heimgesucht, als schon 1861 seine Frau starb und er allein für seine Kinder sorgen mußte. Am 29. Dez. 1868 feierte Meißner sein 25jähriges Dienstjubiläum, wobei er mit vielen Ehrengaben der Gemeindemitglieder und des Herzogshauses bedacht wurde. Innerhalb von 2 Jahren, 1867-69, verstarb das Herzogspaar, das unter größter Anteilnahme der Bevölkerung von Pastor Meißner in der Gruft der Kirche bestattet wurde. Als Herzog Friedrich 1869 mit seiner Familie nach Primkenau übersiedelte, erwies er sich als christliches Vorbild für die Gemeinde. Die herzogliche Familie besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst und feierte zweimal im Jahr mit der Gemeinde das Abendmahl. Meißners Nachfolger Jentsch stellte rückblickend fest: "Dies hohe Beispiel hat unserem kirchlichen Gemeindeleben zu nicht geringer Stärkung gedient." Denn die Zahl der Kirchenbesucher war in dieser Zeit zum Kummer des Pastors spürbar rückläufig.

Pastor Meißner hatte bei seinem Amtsantritt in Primkenau eine fromme Stiftung zugunsten eines Kirchturms vorgefunden und es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seiner Kirche den Turm bauen zu lassen. Unermüdlich sammelte er Spenden und konnte auch Herzog Friedrich für den Plan gewinnen. 1871 wurde der Grundstein gelegt und ein Jahr später wurde der Turm eingeweiht. Am 30. Sept., dem Todestag der frommen Witwe, die den finanziellen Grundstock gespendet hatte, ließ Meißner fortan zu ihrem Gedächtnis eine Stunde lang die Glocken läuten. Auch sein privates Glück hatte der Pastor gefunden, als er 1870 Anna Henriette Clementine Fechner aus Kolzig heiratete.

Am 22. Feb. 1875 vermählte er die Prinzessin Henriette, jüngste Tochter des Herzogs Christian August, mit dem Medizinalrat Prof. Dr. v. Esmarch aus Kiel. Wenig später, am 22. Mai, führte Pastor Meißner die Prinzessinnen Auguste Victoria und Caroline Mathilde zur Konfirmation. Er hatte den beiden Schwestern auch selbst den Unterricht erteilt. Auch deren Bruder Ernst Günther ging am 18. Juli 1879 in Primkenau zur Konfirmation, jedoch bei dem Consistorialrat Dr. Dibelius, der ihn in Dresden, wo der Prinz zur Schule ging, unterrichtet hatte.

Am 22. Januar 1880 erfolgte die Beisetzung des plötzlich verstorbenen Herzogs Friedrich. Pastor Meißner war schwer erkrankt und wurde durch Dr. Dibelius und den Pastor Mühlenhardt aus Holstein vertreten. Wieder waren viele hohe Gäste, darunter der Kronprinz, nach Primkenau gekommen.

Der Kronprinz Wilhelm war häufiger Gast in Primkenau, denn er hatte sich mit der Prinzessin Auguste Victoria verlobt. Briefe der Prinzessin an Pastor Meißner, in denen sie über ihre Verlobungszeit berichtet, zeigen das hohe Maß an Vertrauen, das sie dem alten Herrn entgegenbrachte. Ende Feb. 1881 nahm Auguste Victoria in einem Gottesdienst Abschied von Primkenau. Pastor Meißner verkündete ihre bevorstehende Vermählung von der Kanzel und ließ für das Brautpaar beten. Auf Wunsch der Prinzessin wurde das Lied "Jesu, geh voran" gesungen, das von da an zum bevorzugten Brautlied in Primkenau wurde. Doch die Prinzessin wollte ihren ersten Seelsorger und Vertrauten an ihrem wichtigsten Tag nicht missen. Sie ließ ihn zu ihrer Hochzeit nach Berlin kommen, wo er in der Schloßkapelle der Hofgeistlichkeit assistierte. Der greise Kaiser Wilhelm I. drückte ihm die Hand und verlieh ihm den Roten Adlerorden IV. Klasse, den ihm der Kronprinz an die Brust heftete.

Zu dieser Zeit litt Pastor Meißner schon an Kehlkopfkrebs. Wenige Tage nach einem operativen Eingriff starb er am 9. August 1881. Seine letzte Ruhestätte fand er im Schatten des Kirchturms direkt neben dem Pfarrgarten.

(Quelle: Jentsch, Geschichte der Stadt und ev. Kirchgemeinde Primkenau, 1891)