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Primkenauer Memoiren

Vor 60 Jahren

Tod des Fliegers Otto Braeutigam

Otto Braeutigams Name ist eng mit Primkenau verbunden, jedenfalls aus der Sicht der Primkenauer, die ihn zu ihren "Promis" zählten und stolz waren auf ihn, obgleich er nicht aus ihrer Gegend stammte. Geboren wurde er am 4. April 1912 in München. Die beiden anderen wichtigen Ereignisse der Biographie, die Liebe und der Tod, führten ihn nach Primkenau.

In den 30er Jahren war Otto Braeutigam ein berühmter Segelflieger und Inhaber mehrerer Rekorde. Seine erste Prüfung hatte er 1929 abgelegt, seit 1933 widmete er sich hauptberuflich dem Segelfliegen, zu dessen Pionier er wurde. Damals gelang ihm ein Streckenflug von 222 km. Als Segelflieger legte Braeutigam in seinem kurzen Leben über 10 000 km zurück. Seit 1934 war er auch Motorflieger und nahm ein Jahr später am Deutschlandflug teil. Er stellte damals beim Rhön-Wettbewerb mit 502 km Segelflug einen Weltrekord auf. 1935 begann er auch mit dem Aufbau einer Segelflugschule in Groß-Rückerswalde im Erzgebirge, die nach seinem Tode nach ihm benannt wurde.

In dieser Zeit lernte er Gerda Berndt aus Primkenau-Henriettenhütte kennen, die schon als Mädchen auf der Wolfersdorfer Heide ihre ersten Segelflugversuche unternommen hatte und sich für diesen Sport begeisterte. Für ein junges Mädchen aus Primkenau war dies damals ein eher ungewöhnliches Steckenpferd, doch ungewöhnlich war auch Gerda, die einzige Tochter des Hüttendirektors Berndt. Natürlich fühlte sich Otto Braeutigam von ihr angezogen, denn mit ihren Interessen, mit ihrer Mischung aus unkonventioneller Unabhängigkeit und femininer Bodenständigkeit, war sie die ideale Gefährtin für ihn.

Am 8. September 1936 heirateten die beiden in der ev. Kirche in Primkenau. Sie wohnten dann in Groß-Rückerswalde, doch Otto Braeutigams Beruf hielt das Ehepaar nicht an einem Ort. 1938 begleitete Gerda ihren Mann nach Bulgarien, wo er in seinem "Kranich" in 3000 m Höhe Gebirge überquerte, 252 km nach Norden segelte und nach 8 Stunden "zwischen großen Viehherden und den ebenso erstaunten Bauern des kleinen Dörfchens Wodica" landete. Von Sofia aus flog er im Doppelsitzer 400 km Zielflug nach Varna. Diese Leistungen stellten erneute Rekorde dar, ebenso wie der Zielflug von Norrköping nach Stockholm, "den er mit der Pünktlichkeit einer Verkehrsmaschine zurücklegte." Herausragend war neben etlichen erfolgreich absolvierten Wettbewerben vor allem ein Weltrekord, den er am 2.4. 1939 mit Hannes Meyer aufstellte. Im Doppelsitzer segelten sie in 5 Stunden 364 km von Groß-Rückerswalde nach Wien. "Otto Braeutigam war ein Meister des Streckenfluges, zog einsam seine Bahnen über alle deutschen Lande. In der großen Öffentlichkeit ist er noch bekannter geworden durch seine Kunstflugvorführungen im Segelflugzeug. Die Präzision, mit der er selbst die schwierigsten Kunstflugfiguren motorlos vorführte, entfachten auf zahlreichen Flugtagen im In- und Ausland wahre Begeisterungsstürme." Für seine großen Erfolge erhielt er 1939 mit dem Ehrenpreis des deutschen Segelfluges die höchste Auszeichnung. Auch als Erprobungsflieger hatte er einen Namen. Er gehörte der internationalen Kommission an, die in Rom das Segelflugzeug für die Olympischen Spiele 1940 zu erproben und auszuwählen hatte.

Ende Mai 1941 besuchte Gerda Braeutigam , die das erste Kind erwartete, ihre Eltern in Primkenau. Dort ereilte sie die Nachricht, daß ihr Mann am 28. Mai bei einem Erprobungsflug in Regensburg tödlich verunglückt war.

Die Beerdigung in Henriettenhütte auf dem Friedhof in der Nähe des Jägerhofs war ein gesellschaftliches Ereignis, wie es der stille Ort noch nie gesehen hatte und auch danach nicht mehr erlebte. Im Geist der Zeit war der junge kühne Flieger durch den jähen Tod zum Helden geworden, dessen letzten Weg alle begleiteten, die im Flugsport und im politischen Leben Rang und Namen hatten.

Auf Otto Braeutigams Grabmal erhob sich ein Ikarus zum Sonnenflug; hinter seinem Grab erstreckte sich eine Wiese. Seine Tochter wurde erst nach seinem Tode geboren.

Heute leben seine Witwe und seine Tochter in der Nähe von Kassel, wo Otto Braeutigam als 17jähriger seine erste Flugprüfung abgelegt hat.

 

Quellen: Frau Gerda Henkel, verw. Braeutigam, geb. Berndt (Mitglied des Förderkreises)

Georg Brütting: Zum Gedenken von Otto Braeutigam, 1951 (Zitate)

Hochzeitspaar Gerda und Otto Braeutigam