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Primkenauer Memoiren

Vor 80 Jahren:

Die Lebensmitteldemonstrationen in Primkenau

Der Zusammenbruch Deutschlands nach dem 1. Weltkrieg brachte große wirtschaftliche Not. Schon während des Krieges hatte der Verfall der deutschen Währung begonnen, weil die Kriegskosten nicht aufgebracht werden konnten und die Knappheit an Waren und Lebensmitteln die Preise steigen ließ. Das Kriegsende brachte erneut riesigen Geldbedarf, nicht zuletzt wegen der Verzinsung der Kriegsanleihen und der enormen Reparationszahlungen an die Sieger. Die Wirtschaft lag darnieder, so daß diesen Ausgaben kaum Steuereinnahmen gegenüberstanden. Der Staat behalf sich mit dem Druck von Papiergeld, der die Mark weiter entwertete. Durch die rasante Inflation gerieten große Teile des Volkes, die kaum die Auswirkungen der Lebensmittelblockade des Krieges überwunden hatten, erneut in Hungersnot. Streiks, Unruhen und Plünderungen waren die Folgen überall in Deutschland.

Auch in Primkenau kam es schon im April 1919 zu einem großen Demonstrationszug von ca. 800 Hüttenarbeitern durch die Stadt und weiter nach Gläsersdorf und Petersdorf, wobei einige Haushaltungen und Gehöfte nach verborgenen Lebensmittelvorräten durchsucht wurden.

Der Höhepunkt der Notlage wurde im Krisenjahr 1923 erreicht. In Primkenau gab es damals 62 Arbeitslose, besonders die alten Leute lebten meist am Existenzminimum, viele Kinder waren unterernährt, die Tuberkulose grassierte. Ab Herbst 1923 wurde in den Hüttenwerken nur noch 3 Tage wöchentlich gearbeitet. In ihrer Verzweiflung und Empörung rotteten sich am 19. Und 20. Oktober einige hundert Menschen auf dem Marktplatz zusammen. In der aufgeheizten Stimmung kam es zu Tätlichkeiten, ein Kommando Schutzpolizei aus Liegnitz stellte rücksichtslos die Ordnung wieder her und die Glogauer Strafkammer fällte anschließend harte Urteile.

Das Primkenauer Wochenblatt berichtete über die Vorgänge so:

"Heute hatten sich wegen Landfriedensbruches und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt folgende Primkenauer Einwohner zu verantworten: Emil Baier, Robert John (aus der Untersuchungshaft vorgeführt), Arthur Jaursch, Gustav Kostka, Paul Berndt, Paul Allnoch, Bernhard Kurzke, Paul Flögel (Untersuchungshaft), Otto Flögel, Arthur Schnöke, Willi Fiebig, Otto Herrmann, Otto Seifert, Arthur Irrgang, Richard Jaekel, Herbert Linke (Untersuchungshaft), Richard Lindner (Untersuchungshaft), Albert Deckert, Gustav Menzel, Ernst Grossert (Untersuchungshaft), Wilhelm Joachim, Adolf Fellenberg, Johann Muche, Paul Klietsch (Untersuchungshaft), Carl und Otto Heinrich (Untersuchungshaft), Wilhelm Schiller, Willi Koch, Paul Brunisch, Paul Konrad (Untersuchungshaft), Gustav Lubrich, Paul Goldmann, Max Klietsch. Die Anklagebehörde war durch Herrn Staatsanwalt Dr. Hirschfeld vertreten, während die Verteidigung in den Händen der Herren Rechtsanwälte Dr. Jacobsohn und Goethe lag.

Am 19. Und 20. Oktober v. Js. fanden in Primkenau Lebensmitteldemonstrationen statt. Die Menge versammelte sich zunächst vor dem Rathaus, wo eine Kommission gewählt wurde, die mit den zuständigen Behörden wegen einer Preisherabsetzung verhandeln sollte. Da die Verhandlungen aber längere Zeit in Anspruch nahmen, wurde die mehrere hundert Köpfe zählende Menschenmenge ungeduldig und stürmte in das Rathaus hinein. Inzwischen war Herr Landjäger Geiger erschienen, der die Menge zu beruhigen versuchte. Diese erging sich aber dem Landjäger gegenüber in Beschimpfungen und Mißhandlungen, nachdem ein städtischer Amtssekretär den Leuten bekanntgegeben hatte, daß die Verhandlung ergebnislos verlaufen war. Vom Rathaus begab sich der Demonstrationszug nach dem Ratskeller, in dessen Küche der Landjäger von mehreren Angeklagten teils schwerer, teils leichter mißhandelt wurde. Zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Primkenau war inzwischen aus Liegnitz Schutzpolizei eingetroffen; der Angeklagte Menzel soll in die Menge folgende Ansprache gehalten haben: "Kollegen! Ich habe noch 10 gesunde Finger. Auch unter euch sind noch Kerle mit gesunden Gliedmaßen. Wenn die Schupo nicht bis 9 Uhr unsere Stadt verläßt, entwaffnen wir diese..." Menzel erklärte, stark betrunken gewesen zu sein und nicht gewußt zu haben, was er sprach. Lubrich soll die Masse auch gegen die Schutzpolizei aufgehetzt und außerdem noch den Landrat beschimpft haben: L. bestritt dies, gab aber zu, mit dem Landrat nicht allzu "höflich" verhandelt zu haben. Im übrigen bestritten die meisten Angeklagten die ihnen zur Last gelegten Straftaten. Der Vertreter der Anklagebehörde beantragte gegen 6 Angeklagte Freisprechung, gegen die übrigen Gefängnisstrafen von 3 Monaten bis zu 1 Jahr 6 Monaten. Das Urteil des Gerichts lautete nach 1 stündiger Beratung gegen: Baier, Otto Flögel, Seifert, Irrgang, Menzel, Brunisch auf 6, gegen Paul Flögel, Schnöke, Linke, Lindner, Großert, Fellenberg, Carl und Otto Heinrich, Goldmann, Schiller auf 9 Monate, gegen Fiebig, Muche, Paul Klietsch, Konrad auf ein Jahr Gefängnis, gegen Jaursch, Kostka, Berndt, Allnoch, Herrmann, Jaekel, Deckert, Joachim, Koch, Lubrich auf Freisprechung. Der Angeklagte Robert John, der die vor dem Primkenauer Rathaus versammelte Menge mit den Worten: "Holt den Lump runter, schlagt ihn tot!" gegen den Landjäger Geiger aufgehetzt hatte, erhielt unter Versagung der mildernden Umstände 1 Jahr 9 Monate Zuchthaus, wovon 3 Monate der Untersuchungshaft in Anrechnung gebracht wurden. Gegen den Angeklagten Max Klietsch, der offenbar mit dem Angeklagten Paul Klietsch verwechselt worden war, beantragte der Staatsanwalt selbst die Anklage fallen zu lassen."

Notgeld Primkenau - Henriettenhütte 1. Oktober 1922