Übersicht | zurück | nächstes

Primkenauer Memoiren

Vor 105 Jahren :

Rudolph Handke begründet die Gravensteiner Karpfenzucht

 

Gelegentlich kam es vor, daß ein Primkenauer auswanderte und es anderswo zu etwas brachte, ja durch seine Tätigkeiten bekannt oder sogar berühmt wurde. Ein solcher Sohn der Stadt ist Rudolph Handke, der in Dänemark Karriere machte, und das kam so:

Herzog Ernst Günther kümmerte sich nach der Übernahme seines Erbes Primkenau alsbald um den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. Unter anderem ließ er im Sprottebruch weitere Fischteiche anlegen, um die damals schon einträgliche Karpfenzucht zu erweitern. Fischzucht und –handel wurde nun zu einem wesentlichen Erwerbszweig. Für den Herzog lag es daher nahe, auch auf seinem Nordschleswiger Landgut Gravenstein die Karpfenzucht zu rationalisieren. Dafür brauchte er einen geeigneten Fachmann, der sowohl die beruflichen wie die menschlichen Eigenschaften mitbrachte, dieser neu geschaffenen Aufgabe gerecht zu werden.

Er fand den idealen Mann dafür in Rudolph Handke aus Lauterbach. Am 27. 12. 1871 als Sohn eines Landwirts geboren, arbeitete Handke auf dem herzoglichen Gut, wo er schon früh Begabung und beruflichen Ehrgeiz zeigte. So wurde er hier zum Förster und zum Fischmeister ausgebildet, und offenbar bewältigte er beide Berufe mit Bravour. Als echter "workaholic" wurde ihm nichts zuviel. Bald strebte er fort, er wollte weiterkommen. Sein Weg führte ihn zunächst nach Sachsen, dann nach Brandenburg, wo er weitere berufliche Erfahrungen sammelte. Im Frühjahr 1897 – Handke war gerade 25 Jahre alt und hatte eine Familie gegründet – erhielt er vom Herzog die Berufung nach Gravenstein, wo er als Fischmeister die Karpfenzucht nach dem Primkenauer Vorbild begründen und ausbauen sollte. Am 1. 4. 1897 begann Rudolph Handke mit seiner neuen Aufgabe. Die Familie zog alsbald in das reizende, romantische "Haus auf der Insel", wo das Ehepaar bis an sein Lebensende blieb. 4 Söhne und 2 Töchter zogen sie groß. Heute leben noch ein Enkelsohn (Rudolph) und eine Enkeltochter (Hildegard) sowie 3 Urenkel, die wiederum Kinder haben, und alle tragen den Namen Handke.

Die Fischzucht nahm nun den größten Teil seiner Arbeit in Anspruch. Teiche und Seen mußten sauber gehalten werden, ehe die neue Brut ausgesetzt wurde. Auch als Förster war er beschäftigt, mußte die Bäume aussuchen, die geschlagen werden sollten, war bei den Jagden dabei und für das Wild zuständig. Als 1920 Nordschleswig an Dänemark kam, stand Rudolph Handke vor der Wahl, ob er nach Primkenau zurückkehren oder fortan im Dienst des dänischen Staates bleiben wollte. Er entschied sich zum Bleiben und wurde am

1. 4. 1923 für die Bezirke Sonderburg und Gravenstein, ab 1933 auf eigenen Wunsch nurmehr für Gravenstein eingestellt. Ab 1936 entstand eine Freundschaft zwischen Handkes und dem dänischen Kronprinzenpaar, das auf Gravenstein seinen jährlichen Sommerurlaub verbrachte. Auf ihren Spaziergängen kamen Prinz Frederik und Prinzessin Ingrid oft ins Inselhaus, wo sie von Frau Handke mit selbst gebrautem Bier und Weißbrot bedient wurden. Rudolph Handke sprach immer nur deutsch, doch versuchte er mit dem Kronprinzen dänisch zu reden. Der aber sagte: "Sprich mal lieber deutsch, da verstehe ich dich besser." Und Mutter Handke rief von ihrer Küche aus der Schloßherrin zu: "Komm mal rein, Ingrid, hier ist so schön mollich!"

Handkes Stellung war einmalig, denn er war der erste und einzige Fischmeister Dänemarks. Als er 1937 sein 40jähriges Dienstjubiläum feierte, lobten die Zeitungen den Mann der alten Schule mit seinem Fleiß, seiner Zuverlässigkeit und seiner Fachkunde. Er war bekannt im ganzen Land. Als er wenig später am 3. 4. 1939 starb, erhielt er eine Beerdigung wie ein Staatsbegräbnis. Der Sarg wurde im Wald aufgebahrt, bedeckt mit vielen Kränzen, darunter ein großer Lorbeerkranz vom Kronprinzenpaar. Der deutsche Pfarrer Wassner hielt im Wald die Andacht, dann wurde der Sarg in einer Kutsche zur Schloßkirche gebracht, wo ihn der dänische Pfarrer empfing. In dessen Predigt wie in allen Würdigungen hieß es, daß Handke von seltenem Pflichtbewußtsein getragen war. In Alzböl wurde er beigesetzt.

Heute führt Preben Vagn Knudsen die Reihe der Fischmeister fort, die nach Rudolph Handke folgten. Doch er kümmert sich nicht nur um den Wald und die Karpfenteiche, er sammelt in seiner freizeit Informationen über die Geschichte seines Berufs, vor allem aber über dessen legendären Begründer, Rudolph Handke, der in Dänemark unvergessen ist.

(Quellen: Hildegard Kahle (Enkelin), Zeitung "Nordschleswiger", Internet-Seite von Preben Vagn Knudsen)