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Primkenauer Memoiren

Vor 150 Jahren:

Herzog Christian August von Schleswig - Holstein kauft die Herrschaft Primkenau

Am 1. Oktober 2003 jährt sich zum 150. Mal der Tag, an dem die Herrschaft Primkenau in den Besitz der Herzöge von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg überging. Dieses Datum wurde insofern sehr bedeutsam für die Menschen in Primkenau und in den umliegenden Dörfern, da nun eine Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs für sie begann. Von da an fiel auch gesellschaftlicher Glanz auf das kleine Städtchen, denn mit dem Einzug der herzoglichen Familie entstand auch ein höfisches Leben. Die Einwohner erlebten nun häufiger, daß Persönlichkeiten aus dem Hochadel nach Primkenau kamen. Höhepunkt dieser Ereignisse, an denen die Primkenauer lebhaften Anteil nahmen, waren seit den 1880er Jahren die Besuche des Kronprinzen und späteren Kaisers Wilhelm II., der eine Prinzessin aus dem Primkenauer Schloß heiratete. Aus dem abgelegenen, unbekannten Heidestädtchen wurde in wenigen Jahrzehnten eine "kleine Residenz", die nun auch einen bescheidenen Tourismus anzog.

Seit 1841 befand sich die Herrschaft Primkenau im Besitz des Freiherrn Hans Benedikt von Block-Bibran, dem Schwiegersohn des vormaligen Besitzers David Heinrich Freiherr von Bibran, der 1829 gestorben war und die Herrschaft seiner Tochter Friederike Henriette Wilhelmine vererbt hatte. Alten Berichten zufolge lebte die Familie vergleichsweise bescheiden. Das 1772 erbaute und lange nicht renovierte Schloß mutete eher wie ein ländliches Herrenhaus an. Über den Schloßplatz liefen Gänse und Hühner, und im Tümpel daneben suhlten sich die Schweine. Doch der Freiherr war, ähnlich wie sein Schwiegervater, darum bemüht, Primkenau an die moderne Zeit anzuschließen. 1846 war die Chaussee Sprottau-Glogau durch Primkenau hindurch angelegt worden, um 1850 wurde eine Straßenbeleuchtung eingeführt. In den Ablösungsverhandlungen zwischen den Bürgern und dem Grundherrn erhielten die Einwohner Geld- und Landentschädigungen für ihren Verzicht auf ihr überkommenes Holz-, Streu- und Grasungsrecht. Zu dieser Zeit stand es mit dem Verhältnis zwischen dem Freiherrn von Block-Bibran und seinen Untertanen nicht zum besten, denn die März- Revolution 1848 in den deutschen Ländern führte auch in Primkenau zu Unruhen, die gegen die Herrschaft und die Beamten der Stadt gerichtet waren.

Während die Primkenauer sich Gedanken über die Verschönerung ihrer Stadt machten, die um die Jahrhundertmitte einen sehr dörflichen Eindruck machte, und die Welle der nationalen Revolution 1848 auch das kleine Heidestädtchen berührte, so daß es wochenlang von Glogauer Militär besetzt gehalten wurde, ereigneten sich im fernen Schleswig-Holstein Dinge, die ausgerechnet das Schicksal Primkenaus wenden sollten.

Schon seit dem Mittelalter waren das Herzogtum Schleswig und die Grafschaft Holstein vereinigt und sollten nach einem Dekret des damaligen dänischen Königs Christian I. "up ewig ungedeelt" bleiben. Dessen Enkel, Christian III., teilte sich die Regierungsgewalt der Herzogtümer mit seinen Brüdern, wodurch die verschiedenen herzoglichen Linien entstanden, aus denen die von Sonderburg-Glücksburg und von Sonderburg-Augustenburg hervorgingen. Als im Januar 1848 der neue dänische König Friedrich VII. die Einverleibung Schleswigs in das Königreich Dänemark verfügte, erhoben sich die Bürger von Schleswig-Holstein. Die Ereignisse überstürzten sich, als im Februar und März 1848 die revolutionären Unruhen in Paris, Wien und Berlin ausbrachen. Die Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche und der preußische König standen, ebenso wie die schleswig-holsteinische Armee, auf der Seite der aufständischen Bürger, und es kam zum Krieg mit Dänemark, der 1850 in seiner ersten Phase zugunsten des dänischen Königs endete. Nun brachten die europäischen Mächte die Schleswig-Holstein-Frage unter ihre Kontrolle Im 1. Londoner Protokoll erklärten Rußland, Frankreich, England, Schweden-Norwegen, Österreich und Dänemark die Integrität des dänischen Gesamtstaats und behielten sich eine Regelung der Thronfolgefrage vor, da abzusehen war, daß die ältere königliche Linie aussterben würde. Im Winter 1851/52 kam es zwischen Österreich und Preußen einerseits und Dänemark andererseits zu Verhandlungen über die zukünftige Stellung der Herzogtümer innerhalb Dänemarks. Die dänische Regierung verzichtete auf die Einverleibung Schleswigs in das Königreich, nicht jedoch auf Holstein. Eine Gesamtstaatsverfassung sicherte allen Landesteilen Gleichstellung und den beiden Nationalitäten gleiche Rechte und gleichen Schutz zu. Diese Vereinbarungen waren die Voraussetzungen zum Beitritt Österreichs und Preußens zum 2. Londoner Protokoll, in dem die europäischen Mächte die Erbfolge im dänischen Gesamtstaat festlegten. Dies geschah nach den Wünschen des dänischen Königs und im Widerspruch zu den Rechtsvorstellungen der Schleswig-Holsteiner. Nachfolger des kinderlosen Königs Friedrich VII. sollte demnach Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg- Glücksburg werden, während Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg eine Erklärung unterschreiben mußte, dieser Regelung nicht zuwider zu handeln. Damit schien die Schleswig-Holstein-Frage zunächst einmal gelöst.

Die tatsächliche Inkorporation Schleswig-Holsteins in Dänemark 1863 führte zum 2. deutsch-dänischen Krieg 1864. Die besiegten Dänen mußten dann Schleswig-Holstein an Österreich und Preußen abtreten.

Aufgrund dieser Ereignisse und seiner abschließenden Verzichtserklärung verlor Christian August sein Herzogtum. Geboren am 19. Juli 1798 als Sohn des Herzogs Friedrich Christian und der dänischen Prinzessin Louise Auguste einer Tochter des Königs Christian VII. - gelangte er schon 1814, noch minderjährig, zur Herrschaft. Am 18. September 1820 vermählte er sich mit der zwei Jahre älteren Louise Sophie Gräfin von Daneskiold- Samsöe. Sie hatten 5 Kinder, die im Zeitraum 1824 1833 geboren wurden, drei Töchter und die beiden Söhne, Erbprinz Friedrich und den zwei Jahre jüngeren Christian. Herzog Christian August war sein Leben lang ein schaffensfroher Mann gewesen, der nun, mit 55 Jahren, vor dem Verlust seiner bisherigen Existenz stand. Zunächst träumte er, der sich leidenschaftlich für Land- und Gartenbau interessierte, davon, nach Amerika auszuwandern und sich dort als Farmer ein neues Leben zu schaffen. Da hörte er von seinem Freund und Berater Röttecken von der Verkaufsabsicht des Freiherrn von Block-Bibran und zögerte nicht lange. Für 900.000 Reichstaler ging die Herrschaft Primkenau mit Wirkung zum 1. Oktober 1853 in den Besitz des Herzogs über.

Am 28. September 1853 erfolgte die feierliche Ankunft des neuen Grundherrn, der in Begleitung seiner Gemahlin und der beiden Söhne in dem mit Fahnen und Blumengirlanden geschmückten Städtchen eintraf. In einer Gedenkschrift zum 75. Jubiläum ist zu lesen: "Stadt und Land, Behörden und Private, Geistliche und Lehrer, Besitzer und Arbeiter bereiteten dem neuen Grundherren einen feierlichen und festlichen Empfang, der in seiner Herzlichkeit dem aus seinen angestammten Besitzungen vertriebenen und aus seiner alten Heimat verbannten Herzoge ganz besonders wohl getan haben muß." Mit der ihm eigenen Tatkraft ging Christian August unverzüglich daran, aus seinem neuen Besitz ein Kleinod für sich und seine Familie und für die dort lebenden Menschen zu schaffen. Das verfallene Herrenhaus mit dem angrenzenden urwüchsigen Wäldchen entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen. So ließ er das Gebäude niederreißen und ein schönes, im damals modernen normannischen Tudor-Stil gehaltenes Schloß und in unmittelbarer Nähe ein Prinzenpalais erbauen, Teiche und etwas Gartenlandschaft anlegen und den Platz zwischen dem am Marktplatz angrenzenden Prinzenpalais und dem Schloß zugunsten der gepflegten Anlage vom bis dahin üblichen Publikumsverkehr schließen. Den Wald gestaltete er zu einem planmäßig angelegten englischen Park um, indem er besonders schöne, auch seltene und exotische Bäume herbeischaffen und anpflanzen ließ. Die schon erwähnte Gedenkschrift aus dem Jahr 1928 führt weiter auf: "Die sonst eintönig wirkenden ebenen Flächen, besonders die des Bruches, wurden durch Anlegung von Baumgruppen und Gehölzbuketts interessanter und abwechslungsreicher. Umgestaltet wurden ferner die Oedländereien des Sprottebruchs in nutzbare Acker- und Wiesenflächen. So entstanden die neuen Dominien Amalienthal und Adelaidenau. Besonders verdient gemacht hat sich Herzog Christian August um die Entwässerung des Primkenauer Bruches. Noch vor 75 Jahren stand das Bruch meist unter Wasser. (Der Weg von den Fährhäusern bei Reuthau bis Henriettenhütte mußte größtenteils zu Kahn zurückgelegt werden.) Sollten aus diesem Sumpfe ertragreiche Wiesen erstehen, so mußte für die Ableitung des überschüssigen Wassers gesorgt werden. Es wurden deshalb in rascher Folge vom Jahre 1858 ab der Norder- und Südergraben, der Mittel-Garnhorst-Koschegraben angelegt und das Stauwerk am Ottendorfer Stege gebaut. Bis 1862 hatte Christian August dem Bruch 1500 Morgen Ackerboden abgerungen. Er nannte sein verbessertes Bruch "Die Perle von Primkenau". 1862-63 baute der Herzog das Vorwerk Louisenhof. Auf den neu geschaffenen Dominien wurden Viehstämme reiner Fleisch- und Milchrassen eingeführt, auch eine umfangreiche Stammschäferei eingerichtet, die unter Zuchtaufsicht eines Leipziger Schäfereidirektors gestellt wurde." Schon 1854 ging der Herzog daran, das verschuldete Hochofenwerk im Ortsteil Hohenofen, das er alsbald nach seiner jüngsten Tochter in "Henriettenhütte" umbenannte, zu sanieren. Er ließ 1859 eine Dampfmaschine einbauen und machte den jungen Ingenieur Louis Suren zum Generaldirektor, der das alte Werk modernisierte und zum größten Arbeitgeber am Ort machte. Die Herzogin Louise Sophie erwarb sich in wenigen Jahren durch ihr eher unspektakuläres soziales Wirken einen Ruf als Wohltäterin der Armen und Kranken.

Als Herzog Christian August mit 70 Jahren am 11. März 1869 starb auf den Tag genau zwei Jahre nach seiner Frau hatte sich das Leben in Primkenau sehr verändert. Die Bürger verehrten und achteten ihren neuen Grundherrn, der mit seiner Kreativität und Tatkraft soviel Positives bewirkt hat. Diese Verehrung ging auch auf die beiden Söhne des Herzogs über, zumal den Erbprinzen Friedrich, der 1856 die Prinzessin Adelheid von Hohenlohe-Langenburg geheiratet hatte. Zu Lebzeiten seines Vaters lebte er vorwiegend auf seinem Gut Dolzig in der Niederlausitz, wo auch seine ersten Kinder, Auguste Viktoria (die spätere Kaiserin), Karoline Mathilde und sein späterer Nachfolger Ernst Günther geboren wurden. Sein erster Sohn, Friedrich Wilhelm, hatte in Primkenau das Licht der Welt erblickt. Zu seiner Taufe 1857 kam sogar der preußische Kronprinz in das Städtchen, und die Primkenauer erlebten staunend das bis dahin ungewohnte gesellschaftliche Ereignis, dem noch so viele folgen sollten. Der kleine Prinz starb jedoch schon 1858 und wurde in der neu geschaffenen Gruft in der evangelischen Kirche beigesetzt, wo bis 1921 alle Familienmitglieder ihre letzte Ruhe fanden.

1863 begab sich Friedrich in ein politisches Abenteuer. Er hatte sich nie mit dem Verzicht seines Vaters abgefunden und erhob seinerseits Anspruch auf die Erbfolge in Schleswig-Holstein, als der dänische König ohne Nachfolger verstorben war. Als Friedrich VIII. erklärte er seinen Regierungsantritt und verlegte seinen Wohnsitz nach Kiel. Schon 1866 endete das Unternehmen unter dem Druck der Verhältnisse, denen er im Wege stand (s. Memoire zum Thema). 1869 wurde Friedrich nach dem Tode seines Vaters Herr auf Primkenau. Doch kaum etabliert, muß er schon in den Krieg gegen Frankreich ziehen, der im Januar 1871 die deutsche Reichsgründung zur Folge hat. Friedrich zieht sich nun völlig ins Privatleben nach Primkenau zurück, widmet sich der liebevollen Erziehung seiner Kinder er läßt beispielsweise für sie das "Schweizerhäuschen" im Schloßpark erbauen - und setzt das Werk seines Vaters fort. Der Autor der Gedenkschrift schreibt: "Für seine Güter war er selbst der beste Verwalter. Die Hofhaltung war auf Sparsamkeit und Einfachheit eingerichtet, nur fürs Wohltun galt die Freigiebigkeit. Zu dieser Tugend wurden auch die fürstlichen Kinder früh erzogen. Wie oft und gern haben die vier Prinzessinnen Auguste Viktoria, Caroline Mathilde, Sophie und Feodora in den Hütten der Armen und Kranken geweilt, Trost gespendet und Gaben ausgeteilt. Das Stilleben im herzoglichen Schlosse wurde zeitweise durch Reisen oder hohen Besuch unterbrochen." Herzog Friedrich und seine Familie waren auch als Christen ein Vorbild für die Bürger, indem sie jeden Sonntag den Gottesdienst besuchten und mit der Gemeinde das Abendmahl feierten. Er unterstützte mit Rat und Tat den Bau des Kirchturms, der 1872 eingeweiht wurde. Während der Bekämpfung eines großen Waldbrandes 1877 zog sich Friedrich infolge von Überanstrengung ein Herzleiden zu, dem er am 14. Januar 1880 erlag, erst 50 Jahre alt. So erlebte er nicht mehr die Hochzeit seiner ältesten Tochter mit dem Kronprinzen Wilhelm, der am 25. April 1879 zum ersten Mal als Jagdgast auf Schloß Primkenau zu Besuch war. Friedrichs Beisetzung führte wieder zahlreiche adelige Trauergäste nach Primkenau, darunter die nachmaligen deutschen Kaiser Friedrich III. und dessen Sohn Wilhelm, der zu dieser Zeit schon mit Auguste Viktoria verlobt war.

Friedrichs Sohn und Erbe Ernst Günther war beim Tode des Vaters erst 16 Jahre alt. Seine Mutter Adelheid und sein Onkel, der jüngere Bruder seines Vaters, Christian, führten daher für Ernst Günther die Geschäfte bis zu seinem 21. Geburtstag am 11. August 1884, der in einem großen Fest in Anwesenheit des Kronprinzen zunächst im Schloß und später auf dem Hüttengelände begangen wurde. Das Hofleben kam jedoch nach dem Tod des Herzogs Friedrich weitgehend zum Erliegen, da sich Ernst Günther um Rahmen seiner Ausbildung und seiner militärischen Karriere nur selten in Primkenau aufhielt. Nach wie vor fanden dort im Herbst die großen Jagden statt, zu denen auch das Kronprinzenpaar meistens zu Besuch kam. Die Stille bei Hofe endete erst 1898, als Ernst Günther die junge Prinzessin Dorothea Marie von Sachsen-Coburg-Gotha heiratete und seinen ständigen Wohnsitz in Primkenau bezog. Das alte Schloß, das sein Großvater hatte bauen lassen, war mittlerweile renovierungsbedürftig und genügte den Ansprüchen des Herzogs nicht mehr. Er ließ daher ein neues, prachtvolles Schloß nach den Plänen des Berliner Baumeisters v. Ihne bauen und das alte Gebäude demolieren. Die Gedenkschrift berichtet: "Der Herzog konnte nun allen Zweigen der Verwaltung seine persönliche Fürsorge angedeihen lassen. Besonders wandte er der Industrie großes Interesse zu. Das ursprünglich kleine Eisenhüttenwerk Henriettenhütte hatte sich unter der energievollen und umsichtigen Leitung des ehemaligen herzoglichen Generaldirektors Hofrat Suren ungemein erweitert und einen Weltruf verschafft. Eine weitere Ausdehnung gewann der Hüttenbetrieb durch die im Jahre 1896 neu erbaute Friedrich-Christianshütte . In weiser Fürsorge hat Herzog Ernst Günther in den Jahren 1906-1913 an die 28 Rentenhäuser für die Hüttenarbeiter entstehen lassen. (...) Bald nahm auch die Fischzucht einen großen Aufschwung. Es entstanden neu der Inselteich unweit des Lerchenberges, der 70 Morgen große Teich bei Adelaidenau, der kleine Sindermann-Teich bei Lauterbach, der schwarze Teich, die Jägerhofteiche und der 400 Morgen große Teich östlich vom Ottendorfer Wege. (...) (Um 1898) schuf Herzog Ernst Günther eine große Obstplantage auf seinem Gute Wolfersdorf. Sie umfaßt z. Zt. (1927) 110 Morgen mit rund 4000 Standbäumen, davon sind 2/3 Apfelbäume und 1/3 Birn-, Kirsch- und Apfelbäume. Als Unterkultur sind 36 Morgen mit Johannisbeersträuchern bepflanzt. Nebenbei werden noch Spargel, Erdbeeren und andere Gemüsearten untergebaut. (...) Große Verdienste erwarb sich der Herzog durch die Förderung des Bahnbaues Neusalz-Freystadt- Reisicht, wodurch auch das sonst verlassen gewesene Heidestädtchen Primkenau mit in den Weltverkehr aufgenommen wurde. Die Eröffnung der Bahnlinie erfolgte am 1. Juni 1891. Vor diesem Zeitpunkt kamen die 12 km entfernt liegenden Bahnstationen Waltersdorf und Armadebrunn in Betracht. Als großer Naturfreund war er stets darauf bedacht, die landschaftliche Umgebung durch Neuanlagen immer reizvoller zu gestalten. Ohne sein Einverständnis durfte kein Baum gefällt, kein Ast abgesägt werden. Der Ausbau des früher grundlosen Weges nach dem Lerchenberge, wo er sich das Jagdhaus "Jägerhof" hatte erbauen lassen, der promenadenartige vom Park nach Fichtenhau führende Herzogsweg ist sein Werk. Noch vor 40 Jahren führte ein öffentlicher Weg über den Schloßplatz, was natürlich große Störungen und Unannehmlichkeiten mit sich brachte. Um diesem Übelstande abzuhelfen, kaufte der Herzog das dem Bäckermeister Richter gehörige Haus zum Abbruch und gab dasselbe frei zur Anlage der jetzigen Bahnhofstraße. Das Prinzenpalais wurde durch Anbau einer Kapelle erweitert."

Das Herzogspaar hatte keine eigenen Kinder, weshalb sie den Prinzen Johann Georg und die Prinzessin Marie-Luise aus der verwandten Familie Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg adoptierten.

An den Folgen einer Zahnwurzelvereiterung starb Ernst Günther völlig unerwartet am 22. Februar 1921. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und vieler Ehrengäste aus dem Hochadel wurde er auf dem von ihm geschaffenen neuen Erbbegräbnis im Schloßpark beigesetzt. In der Gedenkschrift heißt es 1928: "Die Herzoginwitwe Dorothea Marie zu Schleswig-Holstein lebt in aller Zurückgezogenheit und stellt keinerlei Ansprüche ans Leben. Ihr sind als Erbe verblieben das Schloß, der Park, das Dominium Louisenhof und 6000 Morgen Waldbesitz. Da Herzog Ernst Günther keine leiblichen Erben hatte, ging das Fideikommiß auf den Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein, den Sohn des verstorbenen Prinzen Christian zu Schleswig-Holstein, über. Herzog Albert ist ein gütiger Herr, von Freundlichkeit und Herzlichkeit beseelt und leutselig gegen Jedermann. Das "Wohltun und Mitteilen" hat er wie seine Vorfahren nicht vergessen." Er bezog eine Wohnung im Prinzenpalais , heiratete nie und hatte keine Kinder. Er war sich daher bewußt, daß er "der Letzte seines Stammes" war, wie er als Aufschrift für seine Grabplatte verfügte. Alberts Zeit als Herzog in Primkenau war von Niedergang geprägt, den er, der nach Kräften seine Pflichten erfüllte, nicht zu verantworten hatte. Der I. Weltkrieg hatte die Welt verändert, auch das Städtchen Primkenau, in dem viel Armut und Arbeitslosigkeit herrschten. Die Inflationsjahre ließen auch das herzogliche Barvermögen schnell dahinschmelzen, so daß Albert sich gezwungen sah, ein großes Waldgebiet an die Stadt Bunzlau zu verkaufen. Später erwarb es der Zigarettenfabrikant Reemtsma. Der Herzog kümmerte sich in dem Jahrzehnt, das er in Primkenau verbrachte, vor allem um den weiteren Ausbau und den Schutz des Sprottebruchs, um das er sich einige Verdienste erwarb. Die Zeit des glanzvollen Hoflebens war längst vorbei. Es gab keine Treffen des Adels mehr anläßlich der Kaiserjagden, nun kamen die reichen Industriellen zur Jagd nach Primkenau. Als Herzog Albert 1931 mit nur 42 Jahren starb, gab es anläßlich seiner Beisetzung, die er inmitten seiner Bürger auf dem evangelischen Friedhof gewünscht hatte, ein letztes Mal eine illustre Trauergesellschaft in Primkenau. Kommendes Unheil war zu dieser Zeit schon zu erahnen, das die alte Welt, in der noch Herzöge in Primkenau herrschten, vollends zerstören sollte.

Zeugin dieses Niedergangs war die Herzoginwitwe Dorothea Marie, die das wertvolle Inventar des Schlosses verkaufte und sich ins Prinzenpalais zurückzog. 1945 ging sie, wie die meisten Bürger von Primkenau, auf den Treck nach Westen, um nie wieder zurückzukehren.

Herzog Christian August in Primkenau um 1860

 

Das "alte" Schloß mit Prinzenpalais, erbaut von Herzog Christian August 1854/55

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