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Primkenauer Memoiren

Vor 180 Jahren

Die Bauern der Primkenauer Dörfer werden frei

In den Jahren 1806/07 war Preußen im Zuge der Napoleonischen Kriege durch die Niederlage in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt und den Tilsiter Frieden zusammengebrochen. Auch mit Blick auf England und Frankreich erkannte man, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Überwindung der ständisch-feudalen Strukturen grundsätzlich neu geordnet werden mußten. Die nun einsetzende Reformbewegung - verbunden mit den Namen Stein und Hardenberg – diente zugleich dem Wiederaufstieg des preußischen Staates als europäische Macht. Mit Erreichen des machtpolitischen Ziels kam die Reformzeit um 1820 zum Abschluß und es begann auch in Preußen eine Phase konservativer Stabilisierung.

Das königliche Edikt von 1807 enthält den berühmten Schlüsselsatz unter § 12: "Mit dem Martinitage 1810 hört alle Gutsuntertänigkeit in Unsern sämtlichen Staaten auf. Nach dem Martinitage 1810 gibt es nur freie Leute...". Jedoch sollten alle "Verbindlichkeiten" dieser freien Leute, die ihnen "vermöge eines Grundstücks oder vermöge eines besonderen Vertrages" oblagen, in Kraft bleiben, sprich: Die Bauern wurden zwar frei, doch änderte sich zunächst nichts in ihren Lebensumständen.

Man kann sich jedoch vorstellen, wie aufregend diese Zeit für sie war. Seit Jahrzehnten schon hatte es immer wieder Gerüchte gegeben, der König beabsichtige die Abschaffung der Erbuntertänigkeit. Damals waren Urbarienkommissionen eingerichtet worden, die die Verhältnisse auf dem Lande untersuchten und festhielten. Für die Bauern, die in einfachsten und von ihren Grundherrn abhängigen Verhältnissen lebten, war diese Aufmerksamkeit ungewohnt und ließ Hoffnung auf Besserung der oftmals drückenden Lebensumstände aufkommen. Manches hatte sich während der preußischen Herrschaft schon gebessert, z. B. durfte der Grundherr keine Bauerngüter mehr einziehen und seine Untertanen nicht verkaufen. Das Recht der Züchtigung wurde dem Herrn soweit eingeschränkt, daß der Bauer keinen bleibenden körperlichen Schaden nehmen durfte. Andere grundherrliche Rechte, wie die Heiratserlaubnis, die erst 1807 aufgehoben wurde, waren zu dieser Zeit gar nicht mehr üblich. In den 1780er und 90er Jahren war es unter den Landleuten zu Unruhen gekommen, da man glaubte, der Adel enthielte ihnen die gewährte Gnade des Königs vor, denn sie hatten eine gekürzte Fassung königlicher Instruktionen in die Hände bekommen. Damals waren die Pfarrer immer wieder angewiesen worden, durch ihre Predigten beruhigend auf die aufgewiegelten Bauern einzuwirken.

Nun war es soweit, doch die Verwirklichung ließ auf sich warten. Es ging nicht ohne Kompromisse und Zugeständnisse ab, die vom grundbesitzenden Adel Preußens erzwungen wurden. Hatte das Edikt von 1807 noch die Verbindlichkeiten der Bauern ausdrücklich bestätigt, so wurde in der Folgezeit die Ablösung der Feudallasten von der Zahlung einer Entschädigung abhängig gemacht, die sich die Bauern nicht leisten konnten. Dies bestimmte das sog. Regulierungsedikt vom 14. 9. 1811; die sich darauf beziehende "Declaration" vom 29. 5. 1816 definiert konkreter die Bedingungen der Ablösung für die verschiedenen Bauernhöfe, stellt aber wenigstens fest, "daß ihre Hauptbestimmung ist, ihren Inhaber als selbständigen Ackerwirt zu ernähren."

Erst am 7. Juni 1821 erschien eine "Ordnung", die den Bauern in den Primkenauer Dörfern die allmähliche Umsetzung ihrer Befreiung erlaubte. Andernorts zog sich dies bis 1850 hin, als erst die abschließende Gesetzgebung dazu erlassen wurde. Der erste bekannte Chronist Primkenaus, Schulz, hält daher das für Primkenau wichtige Datum wie folgt fest: "Am 7. Juni 1821 erschien...die Ordnung über die Ablösung der Dienste gutsherrschaftlicher und bäuerlicher Verhältnisse, auf dem Grund des diesfälligen Edicts vom 14. September 1811 und der Declaration vom 29. Mai 1816 und begann nun die Wirksamkeit der dazu ernannten Kommission nach der Verordnung vom 20. Juni 1817."

Quellen: alle genannten Originale